Interessante Fälle

Autoren / Institutionen

Prof. Dr. med. A. Hufnagel,
Neurologische Universitätsklinik Essen

Einführung

Die homöopathische und die naturheilkundliche Behandlung von leichteren Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen besitzt in Deutschland einen hohen Stellenwert. Es verwundert von daher nicht, dass in einer normalen Epilepsie-Ambulanz die Frage nach einer derartigen Behandlungsmöglichkeit relativ häufig gestellt wird. Der vorliegende Fall soll Aufschluss über die möglichen Risiken einer solchen Behandlung geben. 

Untersuchungsbefunde:

Bei einem jetzt 14-jährigen Mädchen traten erstmalig im Alter von 3-5 Jahren insgesamt 4 Fieberkrämpfe auf. Keiner dieser Krämpfe dauerte länger als 5 Minuten. Neurologische Defizite konnten nicht beobachtet werden.

 Im Alter von 13 Jahren traten dann nach einer unauffälligen Phase von mehreren Jahren ohne antikonvulsive Behandlung sekundär-tonisch-klonische generalisierte Anfälle auf. Nach dem ersten tonisch-klonischen Anfall wurde eine homöopathische Behandlung begonnen. Während eines Zeitraumes von ca. 8 Monaten traten unter verschiedenen homöopathischen und naturheilkundlichen Behandlungsansätze weitere 7 sekundär-generalisierte tonisch-klonischen Anfälle auf. Zudem ereignete sich ein zweiter Anfallstyp im Sinne visueller Anfälle. Das Mädchen verspürte helle optische Halluzinationen mit schwarzen Punkten für die Dauer von maximal einer Minute. Diese visuellen Anfälle traten sowohl isoliert als auch zum Teil in langanhaltenden Serien auf. Zeitweise erfolgte jedoch auch die sekundäre Generalisation zum tonisch-klonischen Anfall. 

Diagnostik

In verschiedenen EEGs waren zum einen steilere Potentialabläufe über beiden Frontalregionen und immer wieder hochamplitudige Spitzen und steile Wellen über dem Occipitallappen mit Rechtsbetonung erkennbar. Kernspintomographisch fand sich lediglich eine Asymmetrie der Temporalhörner. Der neurologische Befund war unauffällig. Bis zum Beginn der Anfälle war das Kind auch psychiatrisch vollkommen unauffällig und zeigte leicht überdurchschnittliche Leistugen auf dem Gymnasium. Laborchemische Untersuchungen waren unauffällig. 

Therapie

Bei der initialen Vorstellung wurde von den begleitenden Eltern (beides Akademiker/der Vater Oberarzt einer Universitätsklinik) die Anfallssituation geschildert. Das Mädchen hörte schweigsam zu, machte einen in sich gekehrten, leicht depressiven Eindruck. Es wurde so dann unsererseits festgestellt, dass es sich um eine Epilepsie mit einfach-partiellen visuellen Anfällen und sekundär-generalisierten tonisch-klonischen Anfällen handele. Bei der Frage der Eltern nach einer probaten homöopathischen oder naturheilkundlichen Behandlung brach es plötzlich aus dem Mädchen heraus. Sie schrie ihre Eltern an, endlich damit aufzuhören, sie wolle nun endlich behandelt werden. Sie habe entsetzlich Angst vor den Anfällen. 

Verlauf

Es wurde eine Behandlung zunächst mit Lamotrigin, später Valproinsäure und Lamotrigin begonnen, die in höchster Dosierung schließlich zur vollständigen Anfallsfreiheit über zuletzt 12 Monate führte. Bei der näheren Exploration war zu erfahren, dass sich bei dem Kind erhebliche Verhaltensstörungen im Sinne einer totalen sozialen Regression eingestellt hatten. Das Mädchen war extrem verunsichert und mied jeden Kontakt zu ihren Freundinnen. Sie hatte Angst vor der Teilnahme am Klassenunterricht. Sie verweigerte das selbständige Begehen des Schulweges. Die Stimmung war insgesamt dysphorisch bis depressiv. Nach einer langwierigen mehrjährigen psychotherapeutischen Behandlung gelang es schließlich diese Entwicklung vollständig umzukehren. 

Zusammenfassung

Unter der Annahme, dass eine Epilepsie durch Homöopathika oder Naturheilverfahren therapierbar sei, wurde im vorliegenden Fall über mehr als ein halbes Jahr auf eine wirksame Therapie verzichtet. Das fortgesetzte, unbeeinflusste weitere Auftreten von einfach-partiellen und generalisierten tonisch-klonischen Anfällen führte schließlich zu einer hochgradigen sozialen Regression des zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alten Kindes. Unter erheblicher psychotherapeutischer Intervention und Unterstützung durch die Eltern gelang es schließlich, auch bei gleichzeitigem Eintritt der Anfallsfreiheit unter Valproinsäure und Lamotrigin, die Entwicklung umzukehren und die Verhaltensstörung zu beheben.

Der vorliegende Fall ist kein Einzelfall. Es gibt keine Wirksamkeitsbelege für Homöopathika oder naturheilkundlich eingesetzte Substanzen. In einem derart drastischen Fall muss die Therapie schon initial unter Anwendung eines Antikonvulsivums der ersten Wahl erfolgen (Carbamazepin, Valproinsäure, Phenytoin, Topiramat. Lamotrigin). Das Risiko ist ansonsten erheblich und beinhaltet eine Verletzungsgefahr durch die Anfälle bis hin zum Tode durch Status epilepticus. Auch das Risiko für den Eintritt psychiatrischer Störungen ist nicht unerheblich.

Prof. A. Hufnagel, Essen, 06.05.2002