Interessante Fälle

Autoren / Institutionen

Dr. Tobias Leniger
Neurologische Universitätsklinik Essen, Hufelandstr. 55, 45122 Essen

Einführung

Bei einer 45-jährigen, bisher gesunden Patientin wurde im August 1999 ein centrocytisches-centroblastisches Non-Hodgkin Lymphom diagnostiziert. 2 Wochen nach dem ersten Zyklus Chemotherapie (Vincristin, Ifosfamide, Etoposid) und 1 Tag nach 9-tägiger Gabe eines granulocyten-stimulierenden Faktors (Filgrastim) entwickelte sich innerhalb von 30 Minuten eine kortikale Blindheit.

Einen Tag später traten erstmals epileptische Anfälle auf: einfach fokale mit rechtsseitigen motorischen Entäußerungen und komplex-fokale mit Bewusst-seinsstörung, starrem Blick und nestelnden Bewegungen oder rechtsseitigen motorischen Entäußerungen. Weiterhin konnte ein non-konvulsiver Status epilepticus mit Somnolenz und Desorientierung mittels EEG dokumentiert werden (Fig. 1). 

Fig. 1: EEG-Ableitung während des non-konvulsiven Status epilepticus

Fig. 1: EEG-Ableitung während des non-konvulsiven Status epilepticus

Diagnostik

Das EEG zeigte einen bilateralen parieto-okzipitalen Focus mit rhythmischer theta-/delta-Aktivität, sharp waves und spike-wave Komplexen. Der Status konnte mit Clonazepam 1 mg i.v. durchbrochen werden. Die kranielle Kernspintomographie ergab bilateral parieto-okzipital Hyperintensitäten in den Protonen-gewichteten Bildern (Fig. 2).

Liquordiagnostik, Doppler-/Duplexsonographie des hinteren cerebralen Stromkreislaufes sowie transösophageale Echokardiographie waren ohne richtungsweisende pathologische Befunde. Ebenso die Laborchemie (bis auf ein tumorbedingtes erhöhtes C-reaktives Protein und eine Pancytopenie) und das fortlaufende EKG- und Blutdruckmonitoring waren unauffällig. 

MRT zeigt bilateral parieto-okzipital Hyperintensitäten in den Protonen-gewichteten Bildern (Fig. 2).

Fig. 2

Verlauf

Die Patientin wurde über eine Woche mit einem Diuretikum (Furosemid), einem Neuroleptikum (Haloperidol) und Antikonvulsiva (Phenytoin und Clonazepam intravenös) behandelt. Nach einer Woche bildeten sich die Symptome schrittweise ohne Residuen zurück. Die kranielle Kernspintomographie 7 Tage nach Beginn der Symptome zeigte die bilateralen parieto-okzipitalen Hyperintensitäten in den Protonen-gewichteten Bildern in Rückbildung (Fig. 2).

Die antikonvulsive Monotherapie mit Phenytoin wurde drei Wochen nach Beginn der Symptome ausgeschlichen. Nach telefonischer Rücksprache nach einem halben Jahr sind auch keine weitere Anfälle im weiteren Verlauf aufgetreten. 

Kommentar

Die transienten Symptome mit kortikaler Blindheit und epileptischen Anfällen waren Ausdruck der in der kraniellen Kernspintomographie nachweisbaren reversiblen posterioren Leukenzephalopathie. Hervorgerufen wurde diese am ehesten durch eine neurotoxische Nebenwirkung des granulocyten-stimulierenden Faktors (Filgrastim), dem einzigen neuen Medikament, das die Patientin in unmittelbarem Zusammenhang zum Auftreten der Symptome erhielt. 

Prof. A. Hufnagel, Essen, 06.09.2000