Besondere Behandlungssituationen

Kontrazeption

Bei einer Reihe von antikonvulsiven Substanzen ist die Schwangerschaftsverhütung mit hormonellen Antikonzeptiva wegen Interaktion mit der antikonvulsiven Medikation beeinträchtigt. Hier soll eine zusätzliche Verhütungsmethode praktiziert werden. Andere Substanzen gelten als unkritisch.

Umfangreiche Informationen zur Verhütung erhalten Sie im entsprechenden Ratgeber von Prof. Dr. A. Hufnagel im Mitgleiderbereich. Bitte melden Sie sich an.

 

 

Unzureichende Kontrazeption möglich Keine relevanten Interaktionen mit oralen Kontrazeptiva
Carbamazepin Benzodiazepine
Oxcarbazepin Gabapentin
Lamotrigin Pregabalin
Phenytoin Valproinsäure
Phenobarbital Vigabatrin
Primidon
Topiramat  
Tiagabin  

 

Bei Zwischenblutungen sollte auf ein Präparat mit einem sicher ovulationsunterdrückenden Gestagenanteil umgestiegen werden. Beispiele hierfür sind: Levonorgestrol, Desogestrel, Dienogest, Gestoden, Norgestimat, Norethisteron oder Cyproteronacetat.

Kinderwunsch, Schwangerschaft und fetales Missbildungsrisiko

Wegen des auf etwa 5–15 % erhöhten Fehlbildungsrisikos und der doppelt so hohen Neugeborenensterblichkeit ist die Schwangerschaft einer Epilepsiepatientin als Risikoschwangerschaft anzusehen. Darüber hinaus bestehen jedoch keinerlei weitere Risiken, so dass Schwangerschaft, Entbindung, Wochenbett und Neugeborenenphase bei über 90 % normal verlaufen. Bei Vorliegen eines Kinderwunsches sollte geprüft werden, ob auf eine Monotherapie umgestellt werden kann, da das Missbildungsrisiko bei gleichzeitiger Einnahme von 2 Antikonvulsiva auf etwa 10 % und bei Einnahme von 3 Antikonvulsiva auf ca. 15 % erhöht ist.

Neben großen Fehlbildungen wie z. B. Neuralrohrdefekten, Herzfehlern, Skelettanomalien oder Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten wurden kleinere Fehlbildungen wie z. B. Hypoplasien der Fingernägel und Fingerendphalangen, Ohrmuschelanomalien oder ein Epicanthus beschrieben.

Bei Einnahme von Valproinsäure und Carbamazepin ist das Risiko auf Entstehung eines Neuralrohrdefektes auf etwa 2–2,5 % erhöht, weshalb diese Medikamente möglichst vermieden werden sollten. Darüber hinaus ist das teratogene Potential bei den Standardpräparaten der älteren Generation (Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital, Valproinsäure) nicht unterschiedlich. Einzelne Fehlbildungen wurden auch unter Gabe von Vigabatrin oder Lamotrigin beobachtet. Für eine Entscheidung, ob es sich dabei um ein gegenüber der Normalbevölkerung erhöhtes Risiko handelt, ist die Datenlage jedoch aktuell noch zu gering. Topiramat hat sich im Tierexperiment als teratogen erwiesen, so dass es in der Schwangerschaft nicht verwendet werden sollte.

 Zur Vermeidung von Serumspitzenkonzentrationen sollten während der Schwangerschaft Retardpräparate bevorzugt werden. Da ein Teil der Missbildungen möglicherweise in einem Zusammenhang mit einem relativen Folsäure-Mangel steht, sollte schon bei Kinderwunsch prophylaktisch 2,5 mg Folsäure/Tag verordnet werden. Zusätzlich sollte geprüft werden, ob bei mehr als 2-jähriger vorbestehender Anfallsfreiheit die Medikation nicht vollständig abgesetzt werden kann. Während der Schwangerschaft soll die Dosis der Medikamente konstant gehalten werden und erst bei vermehrtem Auftreten von Anfällen erhöht werden.

Bei Einnahme hoher Dosen von Benzodiazepinen oder Phenobarbital durch die Schwangere ist bei dem Neugeborenen während der ersten Lebenstage mit einer herabgesetzten Vigilanz, am deutlichsten erkennbar an einer ausgeprägten Trinkschwäche, zu rechnen. Zudem kann ein Antikonvulsiva-Entzugssyndrom entstehen, das sich am ehesten in Form von unmotiviertem Schreien und Unruhe äußert.

Das intrazerebrale Blutungsrisiko Neugeborener ist insbesondere bei intrauteriner Exposition gegenüber Carbamazepin, Phenytoin oder Phenobarbital erhöht. Die Schwangere sollte einige Stunden vor der Entbindung 10–20 mg Vitamin K oral einnehmen. Zusätzlich sollten dem Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt am 4. Lebenstag und in der 4. Lebenswoche 1 mg Vitamin K oral oder i. m. gegeben werden.

Antikonvulsiva werden in unterschiedlichem Ausmaß in die Muttermilch sezerniert. Trotzdem wird Stillen empfohlen, da die psychosozialen und ernährungsphysiologischen Vorteile für das Neugeborene überwiegen.