Epilepsie und Sport

  • Ist Sport für Epilepsie-Kranke grundsätzlich gesund?
  • Welches Risisko besteht?
  • Wie sollte ein Epilepsie-Patient grundsätzlich mit der Erkrankung beim Sport umgehen?
  • Welche generellen Einschränkungen bestehen?
  • Welche Sportarten sind für welche Patienten geeignet?
  • Wie kann ich mich zusätzlich schützen?
  • Ist Behindertensport erlaubt?

 

Hintergrund:

Viele Epilepsie-Kranke sind unsicher, ob sie Sport betreiben dürfen oder nicht, und wenn ja, welche Sportarten für sie gesund sind und welche gemieden werden sollten.

Hierbei kommt besonders zum Tragen, dass die meisten Sportarten mit einem Verletzungsrisiko auch für gesunde Personen verbunden sind und eine zusätzliche Gefährdung durch die Anfälle befürchtet wird.

Zudem gibt es bei Epilepsie-Patienten Gefährdungen, die bei Gesunden in dieser Form nicht bestehen und die zusätzlich bedacht werden müssen.

Ist Sport für Epilepsie-Kranke grundsätzlich gesund?

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass Sport grundsätzlich für alle Menschen in einem gewissen Rahmen gesund ist und auch Epilepsie-Patienten grundsätzlich von Sport profitieren wie alle anderen auch. Einzelne Sportarten sind jedoch problematisch, so dass sie besser nicht ausgeübt werden sollten, so lange eine akute Gefährdung durch Anfälle vorliegt.

Insgesamt kann Sport gerade bei Epilepsie-Patienten günstige Einflüsse haben durch eine Verbesserung des körperlichen und seelischen Empfindens, was sich u.U. sogar auch auf die Anfallssituation positiv auswirken kann. Insofern ist es auch nicht sinnvoll, wenn Kinder mit einem Anfallsleiden generell vom Schulsport ausgeschlossen werden – im Gegenteil, dies kann eine Integration in den Klassenverband verhindern. Zudem erleben sie selbst sich in diesen Situationen als minderwertig, was nicht sein muss, weil es eben nicht stimmt, dass diese Kinder sportuntauglich sind. Sport soll ja gerade im Gegenteil eine integrierende Funktion haben und nicht dazu führen, dass sich Personen ausgeschlossen fühlen.

Welches Risiko besteht?

Bei der Ausübung von Freizeitaktivitäten allgemein und Sport im Besonderen sollte grundsätzlich stets bedacht werden, welche Konsequenzen ein Anfall haben könnte. Inwieweit ein Risiko der Eigengefährdung hierbei eingegangen wird, liegt im Bereich der persönlichen Entscheidung. Jedenfalls sollte bei sportlicher Betätigung eine Fremdgefährdung, soweit dies auch Gesunden möglich ist, generell ausgeschlossen werden.

Dies bedeutet im Einzelfall im Extrem, dass eine Sportart nicht (mehr) ausgeübt werden kann. Hier sollte der Patient sich und den Mitmenschen gegenüber jedoch so verantwortungsvoll reagieren, dass er diese Ratschläge auch befolgt. Zudem gibt es so viele Sportarten, die von Epilepsie-Patienten bedenkenlos oder mit kleinen Einschränkungen ausgeübt werden können, dass es sicher möglich ist, für jeden Patienten eine Sportart zu finden, die ihm Spaß macht.

Bei der Auswahl muss zusätzlich auch bedacht werden, wie wahrscheinlich das Auftreten von Anfällen ist. Bei Patienten, die täglich oder mehrfach pro Woche Anfälle haben, wird man wesentlich strengere Maßstäbe anlegen als bei Patienten, die alle paar Jahre mal einen (dann vielleicht auch provozierten, z.B. durch Alkohol) Anfall erleiden. Letztere können nahezu alle Sportarten ausüben, wenn der entsprechende Auslöser gemieden wird.

Wie sollte ein Epilepsie-Patient grundsätzlich mit der Erkrankung beim Sport umgehen?

Allgemein ist es sicher von Vorteil, offensiv mit der Krankheit umzugehen und Freunde, die ggf. beim Sport dabei sind oder die in einem Verein eine Leitungsfunktion haben, zu informieren. Dies kann aus zweierlei Gründen sinnvoll sein. Zum einen verhindert es, dass ein Patient in eine für ihn ungünstige Lage kommt, wenn ein Anfall auftritt, ohne dass jemand von dem Anfallsleiden gewusst hat. Dies kann auch zu übersteigerten Reaktionen führen (z.B. Rufen eines Notarztes, wenn dies nicht notwendig ist etc.). Zum anderen sollten aus rechtlichen Gründen Verantwortliche informiert sein, falls eine Sportart auf eigenes Risiko ausgeführt wird, damit bei einem Unfall keine Konsequenzen für den Verein drohen. Zudem sollten bei Mannschaftssportarten die Mitspieler und Betreuer wissen, was in Bezug auf den Sport passieren kann (z.B. Ausfall eines Mitspielers beim Fußball, wenn die Mannschaft nicht mehr einwechseln darf).

Zudem sollten Mitspieler oder Betreuer darüber informiert werden, was bei einem Anfall zu tun ist, wie geholfen werden kann und was unterbleiben sollte und auch, wann ein Notarzt gerufen werden muss.

Welche generellen Einschränkungen bestehen?

Generell kann man die Ratschläge bezüglich diverser Freizeitaktivitäten so zusammenfassen: „Nicht zu hoch, nicht zu schnell, nicht ins Wasser“.

Insbesondere für Wassersport bestehen Bedenken. Der Grund ist folgender: bei generalisierten Anfällen kommt es zu Beginn des Anfalls zu einer Ausatmung, da durch das Zusammenziehen der Atemmuskeln Luft aus dem Brustkorb gepresst wird. Dies führt dazu, dass der Auftrieb im Wasser nachlässt. Daher sinken die Betroffenen im Wasser schnell ab. Hinzu kommt, dass im Anfall die Schutzreflexe erloschen sind und daher Wasser in die Lunge gelangen kann. In der zweiten Anfallsphase, der klonischen Phase, kommt es zunächst zu einer Einatmung. Wenn dies unter Wasser passiert, saugt der Patient somit noch zusätzlich aktiv Wasser in die Lunge. Somit ist es verständlich, warum Wassersport sehr gefährlich ist und Anfälle zum Ertrinken führen können. Von allen Wassersportarten kann daher prinzipiell ohne geeignete Schutzmaßnahmen nur abgeraten werden, auch vom Schwimmen. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass es Ausnahmen geben kann, z.B. dann, wenn ein Schwimmer von einem anderen begleitet wird, der im Notfall den Patienten sofort vor dem Ertrinken bewahren kann. Auch das Tragen von Schwimm- oder Rettungswesten kann das Risiko vermindern. Diese müssen allerdings so angelegt sein, dass sie für den Fall der Bewusstlosigkeit den Kopf über Wasser halten

Rennsport aller Art, der mit hohen Geschwindigkeiten verbunden ist, verbietet sich für Anfallspatienten ebenfalls – nicht nur Autorennsport, sondern z.B. auch Fahrradrennen.

Sportarten, die in größerer Höhe durchgeführt werden, z.B. Fallschirmspringen, Segelfliegen, Bergklettern o.ä., sind aufgrund der Gefährdung bei Eintreten eines Anfalls ebenfalls nicht möglich. Bei Sportarten, die in geringerer Höhe und/oder mit Sicherung durchgeführt werden, ist eine individuelle Entscheidung möglich. Hierbei ist z.B. an Geräteturnen zu denken, das bei entsprechender Sicherung oder geringer Anfallsfrequenz bzw. längerer Anfallsfreiheit nicht unbedingt abzulehnen sind.

Für Brillenträger ist es darüber hinaus zu überlegen, beim Sport Kontaktlinsen zu tragen oder Kunststoffgläser, die auch beim Sturz nicht in spitze Teile zerbrechen können wie Brillengläser aus Glas und somit das Verletzungsrisiko verringern.

Welche Sportarten sind für welche Patienten geeignet?

Um die Einschätzung, welche Sportart bei welchen Patienten sinnvoll und ohne größeres Risiko ist, besser treffen zu können, haben wir im Folgenden eine Tabelle mit Sportartengruppen zusammengestellt, die als Anhaltspunkt dienen soll, ob eine Betätigung sinnvoll ist oder nicht. Im Einzelfall muss diese Entscheidung unter Umständen auch anhand weiterer Kriterien erfolgen, z.B. Anfallstyp (erhaltenes Bewusstsein?) und Häufigkeit. Zudem gibt es Formen der Epilepsie, bei denen nur nachts Anfälle auftreten. Wenn dies bekannt und über einen längeren Zeitraum konstant nachvollziehbar ist, dann bestehen für Sportarten, die am Tage ausgeübt werden, wenige Bedenken.

 

Sportart/-gruppe Kommentar
Manschaftssport (Fußball, Handball, Hockey, Basketball, Volleyball etc.) Sportart prinzipiell erlaubt. Manschaftskollegen und Betreuer sollten informiert sein. Kein erhöhtes Verletzungsrisiko.
Leichtathletik Prinzipiell erlaubt. Stabhochsprung sollte gemieden werden.
Skisport Abfahrtslauf / Snowboard nicht bei Anfällen mit Bewusstseinsverlust, ansonsten nur bei im Anfall erhaltener Körperbeherrschung. Nicht ausserhalb markierter Pisten fahren und nur in Begleitung. Langlauf bei Begleitung und Meiden rascher Abfahrten problemlos. Helm tragen!
Breitensport (Fitness-Training, Wandern, Turnen, Minigolf, Kegeln, Tanzen, Tischtennis, Jogging, Inline-Skating etc.) Erlaubt, ggf. an Greäten mit Gefährdungspotetial (z.B. im Fitness-Studio) unter Aufsicht. Berwandern nicht auf Hochgraten oder anderen Stellen, wo eine Absturzgefahr besteht. Vorher über Wanderführer informieren. Geräteturnen nicht über Brusthöhe.
Fahhrad fahren Problematisch aber möglich. Nicht zu schnell, nicht dort, wo eine Gefährdung bei einem Sturz besteht. Kein Mountainbiking bei Anfällen mit Bewusstseinsverlust. Schutzmaßnahmen (Helm!) treffen.
Schwimmen, Segeln, Rudern In Begleitung und mit Sicherungsmaßnahmen (Schwimmwesten) möglich.
Surfen, Tauchen Grundsätzlich nicht zu empfehlen.
Tennis, Squash Problemlos bei Anfällen ohne Bewusstseinsverlust, sonst unter Aufsicht.
Reitsport Problematisch. Bei Stürzen Verletzungsgefahr. Bei Anfällen ohne Bewusstseinsverlust und Sicherheit, im Anfall nicht zu fallen, möglich.
Motorsport Nicht erlaubt
Fallschirmspringen Nicht erlaubt

 

Wie kann ich mich zusätzlich schützen?

Auf jeden Fall sollten Epilepsie-Patienten die üblichen Schutzmaßnahmen ergreifen, die bei einer Sportart generell empfohlen werden. Hierzu gehören z.B. das Tragen eines Sturzhelmes beim Skisport, beim Fahrrad fahren oder beim Inline-Skating.

Zusätzliche Maßnahmen können jedoch zusätzlich ergriffen werden und verringern insbesondere beim Wassersport das Risiko. Dies Tragen einer geeigneten Schwimmweste ist in freien Gewässern zwingend notwendig. Eine auffällige Badekappe kann helfen, damit der Bademeister/ die Aufsichtsperson  ein drohendes Ertrinken rechtzeitig bemerkt.

Fast immer ist es sinnvoll, dass der Patient die Sportart in Begleitung ausübt, so dass er unter Beobachtung ist. Dies kann beim Schwimmen jemand sein, der in die Grundzüge der Rettung eines Ertrinkenden eingearbeitet ist. Bei Sportarten wie dem Geräteturnen ist eine Hilfestellung allgemein üblich; wenn hier darauf geachtet wird, in nicht zu großer Höhe zu turnen, ist dies in der Regel ausreichend.

Ist Behindertensport erlaubt?

Auch Behinderte können und sollen Sport treiben, die eindrucksvollen Leistungen Behinderter bei ihren Sportveranstaltungen sind hierfür der beste Beweis.

Auch hier gilt, dass der entscheidenden Aspekt ist, dass die Sicherheit gewährleistet sein muss, sowohl für den Patienten als auch für die Umgebung. Da der Behindertensport aber meistens nicht die gefährlichen schnellen Sportarten einbezieht, ist die Sportausübung zumeist möglich. Auch hier gelten selbstverständlich die allgemeinen Hinweise zum Wassersport.