Gabapentin und Pregabalin bei Epilepsie: Wirkung, Einsatz und Nebenwirkungen
Gabapentin und Pregabalin sind strukturverwandte Antiepileptika, die vor allem bei fokalen Epilepsien als Zusatztherapie eingesetzt werden. Beide Wirkstoffe dämpfen die Erregbarkeit von Nervenzellen, indem sie an spannungsabhängige Kalziumkanäle binden. Sie unterscheiden sich jedoch in Wirkstärke, Zulassung und Anwendungsgebieten – was der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin individuell abwägt.
Das Wichtigste in Kürze
- Gabapentin und Pregabalin werden bei fokalen Anfällen mit und ohne sekundäre Generalisierung als Zusatztherapie eingesetzt.
- Beide Wirkstoffe binden an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Kalziumkanäle und reduzieren so die neuronale Übererregbarkeit.
- Pregabalin wirkt stärker und wird gleichmäßiger aus dem Darm aufgenommen als Gabapentin.
- Häufige Nebenwirkungen sind Schwindel, Müdigkeit und Koordinationsstörungen, besonders zu Therapiebeginn.
- Beide Substanzen unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz (Pregabalin seit 2019, Gabapentin seit 2021) aufgrund eines Missbrauchspotenzials.
Wie wirken Gabapentin und Pregabalin im Gehirn?
Beide Wirkstoffe binden selektiv an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Kalziumkanäle in Nervenzellen und verringern dadurch den Einstrom von Kalziumionen (Fachinformation Gabapentin; Fachinformation Pregabalin). Weniger Kalzium bedeutet weniger Ausschüttung erregender Botenstoffe wie Glutamat – die Nervenzellen werden ruhiger und die Anfallsschwelle steigt. Obwohl beide Substanzen strukturell dem körpereigenen Botenstoff GABA ähneln, wirken sie nicht über GABA-Rezeptoren, sondern ausschließlich über diesen Kalziumkanal-Mechanismus. Dieser Wirkmechanismus erklärt auch ihre Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen.
Wofür ist Gabapentin bei Epilepsie zugelassen?
Gabapentin ist in Deutschland als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen mit und ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren zugelassen (Fachinformation Gabapentin). Als Monotherapie darf es bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren eingesetzt werden, wenn andere Antiepileptika nicht vertragen werden. Bei generalisierten Epilepsien wie der juvenilen myoklonischen Epilepsie ist Gabapentin nicht indiziert und kann Myoklonien sogar verschlechtern (DGN-Leitlinie 2023). Die Entscheidung über den Einsatz trifft stets der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin.
Wofür ist Pregabalin bei Epilepsie zugelassen?
Pregabalin ist ausschließlich als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen mit und ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen zugelassen – eine Zulassung als Monotherapie oder für Kinder besteht nicht (Fachinformation Pregabalin). Darüber hinaus ist Pregabalin für neuropathische Schmerzen und die generalisierte Angststörung zugelassen, was es zu einem häufig verordneten Wirkstoff macht. Für die Epilepsiebehandlung bei Kindern und Jugendlichen kommt Pregabalin daher nicht in Betracht. Auch hier gilt: Ob und wie Pregabalin eingesetzt wird, entscheidet der Arzt oder die Ärztin individuell.
Was unterscheidet Gabapentin von Pregabalin?
Pregabalin bindet mit höherer Affinität an den Kalziumkanal und wird aus dem Darm vollständiger und gleichmäßiger aufgenommen als Gabapentin (Fachinformation Pregabalin). Die Bioverfügbarkeit von Pregabalin beträgt über 90 % und ist dosisunabhängig, während Gabapentin eine dosisabhängige, sättigbare Resorption mit einer Bioverfügbarkeit von etwa 27–60 % aufweist (Fachinformation Gabapentin). Das macht die Wirkung von Pregabalin besser vorhersehbar. Beide Substanzen werden unverändert über die Nieren ausgeschieden, weshalb bei eingeschränkter Nierenfunktion eine Dosisanpassung zwingend erforderlich ist.
Welche Dosierungen sind üblich?
Die Dosierung wird stets individuell vom Arzt oder der Ärztin festgelegt und schrittweise eingeschlichen, um Nebenwirkungen zu minimieren. Laut Fachinformation werden für Gabapentin bei Erwachsenen übliche Erhaltungsdosen von 900 bis 3600 mg pro Tag in drei Einzeldosen angegeben (Fachinformation Gabapentin). Für Pregabalin liegt der übliche Dosisbereich bei 150 bis 600 mg pro Tag, aufgeteilt auf zwei oder drei Einnahmen (Fachinformation Pregabalin). Bei Niereninsuffizienz müssen beide Wirkstoffe entsprechend der Kreatinin-Clearance angepasst werden – dies ist keine Empfehlung zur Selbstdosierung.
Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Die häufigsten Nebenwirkungen beider Substanzen sind Schwindel, Müdigkeit, Koordinationsstörungen (Ataxie) und verschwommenes Sehen, die vor allem zu Therapiebeginn auftreten (Fachinformation Gabapentin; Fachinformation Pregabalin). Gewichtszunahme und periphere Ödeme (Wassereinlagerungen) sind ebenfalls bekannt, besonders unter Pregabalin. Kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsschwierigkeiten kommen vor. Seltener wurden paradoxe Reaktionen mit verstärkter Anfallsaktivität beschrieben. Personen mit Epilepsie sollten Nebenwirkungen zeitnah mit ihrem Behandlungsteam besprechen, da eine Dosisanpassung oder ein Wechsel des Präparats möglich ist.
Warum unterliegen beide Wirkstoffe dem Betäubungsmittelgesetz?
Pregabalin wurde in Deutschland 2019 als Betäubungsmittel eingestuft, Gabapentin folgte 2021 – beide aufgrund eines nachgewiesenen Missbrauchspotenzials (Betäubungsmittelgesetz, Anlage III). Besonders in Kombination mit Opioiden oder anderen dämpfenden Substanzen können beide Wirkstoffe zu gefährlicher Atemdepression führen. Die Verschreibung erfordert seitdem ein Betäubungsmittelrezept. Für Patientinnen und Patienten mit Epilepsie, die diese Medikamente medizinisch benötigt bekommen, ändert sich an der Therapie inhaltlich nichts – der bürokratische Aufwand bei der Rezeptausstellung steigt jedoch.
Was gilt für Führerschein und Fahrtauglichkeit?
Die Fahrtauglichkeit bei Epilepsie hängt in erster Linie von der Anfallssituation ab, nicht allein vom Medikament – Details regeln die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung. Gabapentin und Pregabalin können jedoch durch Schwindel, Müdigkeit und Koordinationsstörungen die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen, besonders in der Einstellungsphase (Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, Bundesanstalt für Straßenwesen, aktuelle Fassung). Patientinnen und Patienten sollten mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprechen, ab wann das Führen eines Fahrzeugs wieder sicher ist. Generell gilt: Bei neu eingestellter oder geänderter Medikation ist Vorsicht geboten.
Was ist bei Schwangerschaft und Verhütung zu beachten?
Für Gabapentin und Pregabalin liegen keine ausreichenden kontrollierten Studien zur Sicherheit in der Schwangerschaft beim Menschen vor; Tierstudien zeigten Reproduktionstoxizität (Fachinformation Gabapentin; Fachinformation Pregabalin). Die DGN-Leitlinie 2023 empfiehlt, eine Schwangerschaft unter diesen Wirkstoffen sorgfältig mit dem Behandlungsteam zu planen. Wechselwirkungen mit hormonellen Verhütungsmitteln sind für Gabapentin und Pregabalin – anders als bei einigen anderen Antiepileptika – nicht bekannt. Dennoch sollten Frauen mit Kinderwunsch frühzeitig das Gespräch mit ihrer Neurologin oder ihrem Neurologen suchen; weitere Informationen bietet die Seite Epilepsie und Schwangerschaft.
Häufige Fragen
Kann Gabapentin oder Pregabalin als einziges Medikament gegen Epilepsie eingesetzt werden?
Gabapentin ist bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren unter bestimmten Voraussetzungen als Monotherapie zugelassen. Pregabalin hingegen ist bei Epilepsie ausschließlich als Zusatztherapie (Add-on) zugelassen und darf nicht als alleiniges Antiepileptikum eingesetzt werden (Fachinformation Pregabalin). Die Entscheidung trifft der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin.
Helfen Gabapentin und Pregabalin auch bei generalisierten Anfällen?
Nein, beide Wirkstoffe sind nur für fokale Anfälle zugelassen. Bei generalisierten Epilepsien wie der juvenilen myoklonischen Epilepsie sind sie nicht indiziert und können Myoklonien sogar verschlechtern (DGN-Leitlinie 2023). Bei Verdacht auf eine generalisierte Epilepsie ist eine genaue Diagnose durch EEG und neurologische Untersuchung entscheidend.
Darf man Gabapentin oder Pregabalin plötzlich absetzen?
Nein. Beide Wirkstoffe sollten niemals abrupt abgesetzt werden, da dies das Anfallsrisiko erhöhen und zu Entzugssymptomen führen kann. Die Fachinformationen empfehlen ein schrittweises Ausschleichen über mindestens eine Woche. Das Absetzen sollte immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin erfolgen.
Warum brauche ich jetzt ein Betäubungsmittelrezept für Pregabalin oder Gabapentin?
Beide Wirkstoffe wurden aufgrund ihres Missbrauchspotenzials – besonders in Kombination mit anderen dämpfenden Substanzen – in die Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes aufgenommen (Pregabalin 2019, Gabapentin 2021). Für Patientinnen und Patienten mit medizinischer Indikation ändert sich an der Therapie inhaltlich nichts; der Arzt oder die Ärztin stellt lediglich ein BtM-Rezept aus.
Nehmen Gabapentin und Pregabalin die Wirkung der Pille?
Nein, für Gabapentin und Pregabalin sind keine relevanten Wechselwirkungen mit hormonellen Verhütungsmitteln bekannt (Fachinformation Gabapentin; Fachinformation Pregabalin). Anders als bei einigen anderen Antiepileptika muss die Verhütungsmethode deshalb in der Regel nicht angepasst werden. Dennoch empfiehlt sich eine individuelle Beratung durch den Arzt oder die Ärztin.
Was tun, wenn nach der ersten Einnahme starker Schwindel auftritt?
Schwindel und Müdigkeit sind häufige Nebenwirkungen zu Therapiebeginn und bessern sich oft nach einigen Tagen. Patientinnen und Patienten sollten in dieser Phase keine Maschinen bedienen oder Auto fahren. Hält der Schwindel an oder ist er sehr stark, sollte zeitnah Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin gehalten werden – eine Dosisanpassung kann helfen.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
- Fachinformation Gabapentin (aktuelle Fassung, z. B. Gabapentin-ratiopharm), europäische Zulassungsbehörde EMA / Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
- Fachinformation Pregabalin (aktuelle Fassung, z. B. Pregabalin Pfizer/Lyrica), europäische Zulassungsbehörde EMA / Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
- Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung
- Betäubungsmittelgesetz (BtMG), Anlage III, in der Fassung der Änderungsverordnungen 2019 (Pregabalin) und 2021 (Gabapentin)
- Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE): Klassifikation der Anfallstypen und Epilepsien, 2017
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.