Epileptischer Anfall: Was tun? Erste Hilfe Schritt für Schritt
Bei einem epileptischen Anfall ist ruhiges, gezieltes Handeln entscheidend: Die betroffene Person schützen, die Zeit stoppen und den Notruf wählen, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert. Die meisten Anfälle enden von selbst innerhalb von ein bis drei Minuten und erfordern keine medizinische Notfallintervention – richtiges Verhalten in dieser Zeit kann jedoch schwere Verletzungen verhindern (DGN-Leitlinie 2023).
Das Wichtigste in Kürze
- Gefährliche Gegenstände entfernen und den Kopf der betroffenen Person polstern – niemals festhalten.
- Notruf 112 sofort wählen, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder die Person sich nicht erholt.
- Nach dem Anfall stabile Seitenlage einleiten und beruhigend ansprechen.
- Nichts in den Mund stecken – die Zunge kann nicht verschluckt werden.
- Anfallsdauer und Verlauf beobachten und dem Rettungsdienst schildern.
Was ist bei einem epileptischen Anfall als Erstes zu tun?
Sobald ein epileptischer Anfall beginnt, lautet die wichtigste Maßnahme: Ruhe bewahren und die Umgebung sichern. Schieben Sie gefährliche Gegenstände wie Stühle, Tische oder scharfe Kanten beiseite. Legen Sie etwas Weiches – eine Jacke, eine Tasche – unter den Kopf der betroffenen Person, um Kopfverletzungen zu vermeiden. Halten Sie die Person nicht fest und versuchen Sie nicht, die Bewegungen zu unterdrücken; das kann zu Knochenbrüchen führen (DGN-Leitlinie 2023). Lockern Sie enge Kleidung wie Krawatte oder Kragen und bleiben Sie bis zum Ende des Anfalls bei der Person.
Was darf man bei einem Krampfanfall auf keinen Fall tun?
Mehrere weit verbreitete Erste-Hilfe-Maßnahmen sind falsch und können schaden. Der häufigste Irrtum: Einen Gegenstand zwischen die Zähne schieben, um die Zunge zu „schützen". Die Zunge kann anatomisch nicht verschluckt werden; ein Gegenstand im Mund hingegen kann Zähne brechen, die Mundhöhle verletzen oder die Atemwege blockieren (DGN-Leitlinie 2023). Weitere Fehler:
- Die Person festhalten oder ihre Bewegungen gewaltsam stoppen
- Wasser ins Gesicht schütten
- Essen oder Trinken geben, solange die Person nicht vollständig wach ist
- Die Person allein lassen, bevor sie sich vollständig erholt hat
Wann muss der Notruf 112 gerufen werden?
Der Notruf 112 ist sofort zu wählen, wenn bestimmte Warnsignale auftreten. Die wichtigste Regel: Ein Anfall, der länger als fünf Minuten andauert, gilt als drohender Status epilepticus und ist ein medizinischer Notfall (DGN-Leitlinie 2023). Rufen Sie außerdem den Notruf
Wie verhält man sich nach dem Anfall richtig?
Unmittelbar nach dem Ende der Krampfphase beginnt die sogenannte postiktale Phase, in der die betroffene Person verwirrt, erschöpft oder schläfrig wirkt. Bringen Sie die Person jetzt in die stabile Seitenlage, damit Speichel oder Erbrochenes abfließen kann und die Atemwege frei bleiben (DGN-Leitlinie 2023). Sprechen Sie ruhig und beruhigend; die Person kann möglicherweise hören, bevor sie vollständig reagieren kann. Decken Sie sie bei Bedarf zu. Lassen Sie ihr Zeit – die Erholungsphase dauert je nach Person und Anfallstyp zwischen wenigen Minuten und einer Stunde. Notieren Sie Uhrzeit, Dauer und Verlauf des Anfalls für den behandelnden Arzt.
Was tun, wenn die betroffene Person einen Notfallausweis hat?
Viele Menschen mit bekannter Epilepsie tragen einen Epilepsieausweis oder ein Notfallmedikament bei sich. Suchen Sie nach einem solchen Ausweis in Geldbörse oder Tasche – er enthält Angaben zur Diagnose, zu Medikamenten und dazu, wann der Notruf nötig ist. Manche Betroffenen führen ein ärztlich verordnetes Notfallmedikament (z. B. ein Benzodiazepin als Nasenspray oder Rektiole) mit sich; die Anwendung ist auf dem Ausweis beschrieben. Benzodiazepine als Notfallmedikament dürfen nur gemäß ärztlicher Anweisung und Einweisung verabreicht werden – eigenmächtiges Handeln ohne Schulung ist nicht empfohlen (DGN-Leitlinie 2023).
Wie lange dauert ein Krampfanfall und wann ist ein Krankenhaus nötig?
Die meisten generalisierten tonisch-klonischen Anfälle dauern ein bis drei Minuten und enden spontan (DGN-Leitlinie 2023). Ein Krankenhausaufenthalt ist nicht in jedem Fall erforderlich. Menschen mit bekannter Epilepsie, deren Anfall planmäßig verlaufen ist und die sich vollständig erholt haben, müssen in der Regel nicht stationär aufgenommen werden – das entscheidet jedoch der Arzt oder Rettungsdienst vor Ort. Nach einem ersten epileptischen Anfall hingegen ist eine stationäre Abklärung in der Regel empfohlen, um die Ursache zu klären und das Rückfallrisiko einzuschätzen (DGN-Leitlinie 2023). Die Dauer eines solchen Aufenthalts beträgt typischerweise ein bis drei Tage, kann aber je nach Befund variieren.
Was passiert nach dem Krankenhausaufenthalt?
Nach der Entlassung sollte zeitnah eine neurologische Nachsorge stattfinden. Der behandelnde Neurologe wertet EEG- und MRT-Befunde aus und bespricht, ob eine medikamentöse Behandlung begonnen oder angepasst werden soll. Wichtig: Bis zur ärztlichen Freigabe gilt ein Fahrverbot – nach einem ersten Anfall in der Regel für mindestens sechs Monate, bei bekannter Epilepsie gelten die Regelungen der Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (BASt 2022). Mehr dazu finden Sie auf unserer Seite zu Epilepsie und Führerschein. Auch Tätigkeiten mit erhöhtem Verletzungsrisiko sollten bis zur Rücksprache mit dem Arzt gemieden werden.
Wie erklärt man Umstehenden, was zu tun ist?
Wer selbst an Epilepsie erkrankt ist, kann Angehörige, Kollegen und Freunde gezielt auf den Ernstfall vorbereiten. Zeigen Sie vertrauten Personen den Epilepsieausweis und erklären Sie die wichtigsten Schritte: sichern, Zeit stoppen, beobachten, Seitenlage. Viele Epilepsiezentren und Selbsthilfeorganisationen bieten Schulungen für Laien an. Das Wissen im Vorfeld reduziert Panik und verbessert die Versorgung im Anfall erheblich. Informationen zu Epilepsie allgemein und zum Verlauf fokaler Anfälle helfen Angehörigen, das Geschehen besser einzuordnen und angemessen zu reagieren.
Gibt es Besonderheiten bei bestimmten Anfallsformen?
Nicht jeder epileptische Anfall ist ein Krampfanfall. Bei Absencen etwa starrt die betroffene Person kurz ins Leere und reagiert nicht – äußerlich sieht das harmlos aus, dennoch sollte die Person nicht allein gelassen werden, bis sie wieder vollständig ansprechbar ist. Bei fokalen Anfällen mit Bewusstseinsstörung kann die Person umherwandern oder automatische Bewegungen ausführen; leiten Sie sie sanft von Gefahren weg, ohne sie festzuhalten. Anfälle im Schlaf (Schlafepilepsie) erfordern dieselben Grundmaßnahmen. Bei Verdacht auf psychogene Anfälle gelten ebenfalls Schutz und ruhiges Begleiten als erste Maßnahme.
Häufige Fragen
Kann man die Zunge bei einem Krampfanfall wirklich verschlucken?
Nein. Die Zunge ist anatomisch fest verankert und kann nicht verschluckt werden. Einen Gegenstand in den Mund zu stecken ist gefährlich und kann Zähne brechen oder die Atemwege blockieren. Die Atemwege werden nach dem Anfall durch die stabile Seitenlage freigehalten (DGN-Leitlinie 2023).
Wie lange dauert ein epileptischer Anfall normalerweise?
Die meisten generalisierten tonisch-klonischen Anfälle dauern ein bis drei Minuten und enden von selbst. Dauert ein Anfall länger als fünf Minuten, ist der Notruf 112 zu wählen, da ein Status epilepticus drohen kann (DGN-Leitlinie 2023).
Muss nach jedem epileptischen Anfall das Krankenhaus aufgesucht werden?
Nicht zwingend. Bei bekannter Epilepsie und einem Anfall, der planmäßig verlaufen ist und ohne Verletzungen geendet hat, ist eine stationäre Aufnahme oft nicht erforderlich. Nach einem ersten Anfall hingegen ist eine stationäre Abklärung in der Regel empfohlen. Die Entscheidung trifft der Arzt oder Rettungsdienst (DGN-Leitlinie 2023).
Darf man nach einem epileptischen Anfall noch Auto fahren?
Nein, nicht sofort. Nach einem ersten Anfall gilt in der Regel ein Fahrverbot von mindestens sechs Monaten. Bei bekannter Epilepsie hängt die Fahreignung von der Anfallsfreiheit und weiteren Faktoren ab. Die genauen Regelungen sind in den Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (BASt 2022) festgelegt; der behandelnde Neurologe klärt den individuellen Fall.
Was tun, wenn jemand nach dem Anfall nicht aufwacht?
Wenn die betroffene Person nach etwa zehn Minuten nicht wieder ansprechbar ist oder die Atmung aussetzt, sofort den Notruf 112 wählen und bei fehlender Atmung mit der Wiederbelebung beginnen. Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes stabile Seitenlage beibehalten und die Person nicht allein lassen (DGN-Leitlinie 2023).
Wie erkläre ich meinen Angehörigen, was sie im Notfall tun sollen?
Zeigen Sie vertrauten Personen Ihren Epilepsieausweis und erklären Sie die vier Grundschritte: Umgebung sichern, Zeit stoppen, beobachten, nach dem Anfall Seitenlage einleiten. Viele Epilepsiezentren und die Deutsche Epilepsievereinigung bieten Schulungen für Angehörige an.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
- Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung 2022
- Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE): Klassifikation der Anfallstypen und Epilepsien, 2017
- Deutsche Epilepsievereinigung e. V.: Patienteninformationen zu Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen
- Fachinformationen der jeweiligen Hersteller zu Notfallmedikamenten (Benzodiazepine als Nasenspray/Rektiole), Stand der jeweiligen Zulassung
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.