Zum Inhalt springen
NOTFALL Anfall länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle hintereinander: 112 anrufen · Erste Hilfe

Brivaracetam (Briviact): Wirkung, Nebenwirkungen und Anwendung bei Epilepsie

Von der Redaktion Stand: September 2026 5 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Brivaracetam (Handelsname Briviact) ist ein antiepileptisches Medikament, das zur Zusatzbehandlung fokaler Anfälle bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren zugelassen ist. Es gehört zur gleichen Wirkstoffklasse wie Levetiracetam, bindet jedoch deutlich stärker und selektiver an das synaptische Vesikelprotein SV2A und kann deshalb auch bei unzureichendem Ansprechen auf Levetiracetam wirksam sein. Ob und in welcher Dosis Brivaracetam für eine bestimmte Person geeignet ist, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Brivaracetam (Briviact) ist zur Zusatztherapie fokaler Anfälle ab 16 Jahren zugelassen.
  • Der Wirkstoff bindet hochselektiv an das synaptische Vesikelprotein SV2A und dämpft so übermäßige Nervenentladungen.
  • Häufige Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, Schwindel und Übelkeit; psychiatrische Nebenwirkungen treten seltener auf als unter Levetiracetam.
  • Ein Wechsel von Levetiracetam auf Brivaracetam ist möglich und wird in der Praxis bei Verträglichkeitsproblemen eingesetzt.
  • Die übliche Tagesdosis liegt laut Fachinformation zwischen 50 mg und 200 mg, aufgeteilt auf zwei Einnahmen.

Was ist Brivaracetam und wofür wird es eingesetzt?

Brivaracetam ist ein Antiepileptikum der neueren Generation, das seit 2016 in der EU unter dem Handelsnamen Briviact zugelassen ist. Es wird als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen eingesetzt – also bei Anfällen, die in einem umschriebenen Bereich des Gehirns entstehen, mit oder ohne Ausbreitung auf beide Gehirnhälften. Die Zulassung gilt für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren (Fachinformation Briviact). Brivaracetam ist nicht als alleinige Therapie (Monotherapie) zugelassen, sondern ergänzt ein bereits bestehendes Behandlungsschema.

Wie wirkt Brivaracetam im Gehirn?

Brivaracetam bindet hochselektiv und mit sehr hoher Affinität an das synaptische Vesikelprotein 2A (SV2A), das an der Steuerung der Neurotransmitterfreisetzung beteiligt ist. Durch diese Bindung wird die übermäßige, synchrone Entladung von Nervenzellen gedämpft, die einem epileptischen Anfall zugrunde liegt (Fachinformation Briviact). Im Vergleich zu Levetiracetam – das denselben Angriffspunkt besitzt – ist die Bindungsaffinität von Brivaracetam an SV2A etwa 15- bis 30-fach höher, was den pharmakologischen Unterschied zwischen beiden Substanzen erklärt (DGN-Leitlinie 2023).

Welche Dosierung ist bei Brivaracetam üblich?

Die empfohlene Startdosis liegt laut Fachinformation bei 50 mg pro Tag, aufgeteilt auf zwei Einzelgaben (morgens und abends). Je nach Wirksamkeit und Verträglichkeit kann die Dosis auf bis zu 200 mg täglich erhöht werden; in Einzelfällen kann auch eine Dosis von 20 mg täglich ausreichen (Fachinformation Briviact). Briviact ist als Filmtablette, orale Lösung und Konzentrat zur Infusion erhältlich, was eine flexible Anwendung auch bei Schluckbeschwerden oder im Notfall ermöglicht. Die individuelle Dosisfindung obliegt stets der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Welche Nebenwirkungen hat Brivaracetam?

Häufige Nebenwirkungen (bei mehr als 1 von 10 Behandelten) sind Schläfrigkeit und Schwindel (Fachinformation Briviact). Ebenfalls häufig, aber weniger ausgeprägt, treten Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen auf. Ein wichtiger klinischer Unterschied zu Levetiracetam besteht darin, dass psychiatrische Nebenwirkungen wie Reizbarkeit, Aggressivität und Verhaltensauffälligkeiten unter Brivaracetam seltener beobachtet werden (DGN-Leitlinie 2023). Dennoch sind depressive Verstimmungen und Angst möglich und sollten der Ärztin oder dem Arzt gemeldet werden. Schwere Überempfindlichkeitsreaktionen sind selten, aber beschrieben.

  • Sehr häufig (≥10 %): Schläfrigkeit, Schwindel
  • Häufig (1–10 %): Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Depression, Angst, Reizbarkeit
  • Gelegentlich (<1 %): Suizidgedanken, Überempfindlichkeitsreaktionen

Welche Wechselwirkungen sind bei Brivaracetam bekannt?

Brivaracetam wird überwiegend über Leberenzyme (CYP2C19) abgebaut, weshalb Wechselwirkungen mit Enzyminduktoren wie Carbamazepin, Oxcarbazepin oder Rifampicin relevant sind: Diese können den Brivaracetam-Spiegel im Blut senken und eine Dosisanpassung erforderlich machen (Fachinformation Briviact). Die gleichzeitige Einnahme mit Alkohol oder anderen zentralnervös dämpfenden Substanzen verstärkt die sedierenden Effekte. Wer Phenytoin einnimmt, sollte wissen, dass Brivaracetam dessen Plasmaspiegel erhöhen kann. Eine vollständige Überprüfung aller Begleitmedikamente durch die behandelnde Ärztin oder den Arzt ist vor Therapiebeginn unerlässlich.

Wann ist ein Wechsel von Levetiracetam auf Brivaracetam sinnvoll?

Ein Wechsel von Levetiracetam auf Brivaracetam wird in der klinischen Praxis vor allem dann erwogen, wenn Levetiracetam zwar anfallsreduzierend wirkt, aber psychiatrische Nebenwirkungen wie Reizbarkeit oder Aggressivität die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen (DGN-Leitlinie 2023). Da beide Substanzen am gleichen Zielprotein SV2A angreifen, empfiehlt die Fachinformation, sie nicht gleichzeitig einzusetzen. Der Wechsel erfolgt in der Regel schrittweise unter ärztlicher Aufsicht: Brivaracetam wird eingeschlichen, während Levetiracetam ausgeschlichen wird. Studien zeigen, dass ein Teil der Patientinnen und Patienten, die auf Levetiracetam nicht ausreichend angesprochen haben, unter Brivaracetam eine bessere Anfallskontrolle erreichen kann (Fachinformation Briviact).

Was ist bei Schwangerschaft und Verhütung zu beachten?

Zur Anwendung von Brivaracetam in der Schwangerschaft liegen bislang nur begrenzte Daten beim Menschen vor; Tierstudien zeigten Reproduktionstoxizität (Fachinformation Briviact). Frauen im gebärfähigen Alter sollten daher eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden und eine Schwangerschaft unbedingt mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen, bevor sie geplant wird. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich auf den Seiten zu Epilepsie und Schwangerschaft sowie Epilepsie und Verhütung. Brivaracetam geht in die Muttermilch über; ob gestillt werden kann, ist individuell abzuwägen.

Was gilt für Fahrtauglichkeit und Alltag?

Brivaracetam kann Schläfrigkeit und Schwindel verursachen und damit die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen, besonders zu Therapiebeginn oder nach Dosiserhöhungen. Für die Fahrtauglichkeit gelten bei Epilepsie grundsätzlich die Regelungen der Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (BASt): Anfallsfreiheit über einen definierten Zeitraum ist Voraussetzung für das Führen eines Kraftfahrzeugs – unabhängig davon, welches Medikament eingenommen wird. Detaillierte Informationen dazu bietet die Seite Epilepsie und Führerschein. Im Berufsleben sollten Tätigkeiten an gefährlichen Maschinen oder in der Höhe individuell mit der Ärztin oder dem Arzt besprochen werden.

Wie wird Brivaracetam im Notfall eingesetzt?

Briviact ist als intravenöses Konzentrat erhältlich und kann daher auch im klinischen Notfall verabreicht werden, wenn eine orale Einnahme nicht möglich ist – etwa bei einem Status epilepticus oder nach einer Operation (Fachinformation Briviact). Die intravenöse Formulierung ermöglicht eine direkte Umstellung von der oralen auf die parenterale Gabe ohne Dosisanpassung, was die praktische Handhabung erleichtert. Die Entscheidung über den Einsatz im Notfall liegt beim behandelnden medizinischen Fachpersonal. Allgemeine Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem epileptischen Anfall sind auf der Seite Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall beschrieben.

Häufige Fragen

Ist Brivaracetam dasselbe wie Levetiracetam?

Nein. Beide Wirkstoffe gehören zur gleichen Substanzklasse und binden an das synaptische Vesikelprotein SV2A, sind aber chemisch verschieden. Brivaracetam bindet deutlich stärker und selektiver an SV2A und verursacht nach bisherigen Erkenntnissen seltener psychiatrische Nebenwirkungen als Levetiracetam. Die Fachinformation empfiehlt, beide Substanzen nicht gleichzeitig einzusetzen.

Wie schnell wirkt Brivaracetam?

Brivaracetam wird nach oraler Einnahme rasch und vollständig resorbiert; maximale Plasmaspiegel werden innerhalb von etwa einer Stunde erreicht (Fachinformation Briviact). Ob und wie stark die Anfallshäufigkeit abnimmt, lässt sich jedoch erst nach mehrwöchiger Einnahme beurteilen, da die klinische Wirkung Zeit braucht, sich zu entfalten.

Kann Brivaracetam abrupt abgesetzt werden?

Ein abruptes Absetzen von Antiepileptika kann die Anfallshäufigkeit erhöhen und sollte grundsätzlich vermieden werden. Laut Fachinformation wird empfohlen, Brivaracetam schrittweise auszuschleichen. Die genaue Vorgehensweise legt die behandelnde Ärztin oder der Arzt fest.

Darf Brivaracetam bei Nierenerkrankungen eingenommen werden?

Bei leichter bis mittelschwerer Niereninsuffizienz ist keine Dosisanpassung erforderlich. Bei schwerer Niereninsuffizienz und bei dialysepflichtigen Patientinnen und Patienten wird Brivaracetam laut Fachinformation nicht empfohlen, da die Datenlage begrenzt ist. Die Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der Arzt.

Beeinflusst Brivaracetam die Wirkung der Pille?

Nach aktuellem Stand der Fachinformation gibt es keine klinisch relevante Wechselwirkung zwischen Brivaracetam und hormonellen Verhütungsmitteln. Dennoch sollten Frauen im gebärfähigen Alter ihre Verhütungssituation mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen, da die Gesamtmedikation (z. B. weitere Antiepileptika) die Wirkung hormoneller Verhütung beeinflussen kann.

Für welche Altersgruppen ist Brivaracetam zugelassen?

Brivaracetam (Briviact) ist in der EU für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren zur Zusatzbehandlung fokaler Anfälle zugelassen (Fachinformation Briviact). Für Kinder unter 16 Jahren besteht derzeit keine Zulassung; ein Einsatz in dieser Altersgruppe wäre ein Off-Label-Use und bedarf besonderer ärztlicher Abwägung.

Quellen

  1. Fachinformation Briviact (Brivaracetam) Filmtabletten/Lösung/Konzentrat, UCB Pharma GmbH, aktuelle Fassung
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  3. Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), aktuelle Fassung
  4. Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE): Klassifikation der Anfallstypen und Epilepsien, 2017
  5. European Medicines Agency (EMA): Europäischer öffentlicher Beurteilungsbericht (EPAR) zu Briviact, aktuelle Fassung

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.