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Phenobarbital und Primidon: Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen

Von der Redaktion Stand: September 2026 6 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Phenobarbital und Primidon gehören zu den ältesten noch eingesetzten Antiepileptika und werden heute vor allem dann verwendet, wenn neuere Wirkstoffe nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Beide Substanzen dämpfen die Erregbarkeit von Nervenzellen im Gehirn und können eine breite Palette von Anfallstypen kontrollieren. Wegen ihres Nebenwirkungsprofils – insbesondere der sedierenden Wirkung und des Abhängigkeitspotenzials – gelten sie in der aktuellen Leitlinie nicht mehr als Mittel der ersten Wahl für die meisten Erwachsenen (DGN-Leitlinie 2023).

Das Wichtigste in Kürze

  • Phenobarbital ist eines der ältesten Antiepileptika und wird seit über 100 Jahren eingesetzt.
  • Primidon wird im Körper teilweise zu Phenobarbital umgewandelt und wirkt ähnlich.
  • Beide Substanzen sind wirksam bei fokalen und generalisierten Anfällen, aber nicht Mittel der ersten Wahl.
  • Häufige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und – bei Langzeitanwendung – kognitive Einschränkungen.
  • Ein abruptes Absetzen kann gefährlich sein und muss immer ärztlich begleitet werden.

Was sind Phenobarbital und Primidon?

Phenobarbital und Primidon sind Barbiturate, die zur Gruppe der klassischen Antiepileptika zählen. Phenobarbital wurde bereits 1912 als erstes orales Antiepileptikum eingeführt und ist damit eines der am längsten genutzten Medikamente in der Neurologie überhaupt. Primidon, das seit den 1950er-Jahren verfügbar ist, wird im Körper zu einem erheblichen Teil in Phenobarbital sowie in Phenylethylmalondiamid (PEMA) umgewandelt – beide Abbauprodukte tragen zur antiepileptischen Wirkung bei (Fachinformation Primidon). Trotz ihres hohen Alters sind beide Substanzen weiterhin zugelassen und in bestimmten Situationen klinisch relevant.

Wie wirken Phenobarbital und Primidon im Gehirn?

Beide Wirkstoffe entfalten ihre Wirkung hauptsächlich über eine Verstärkung des hemmenden Botenstoffs GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Sie binden an GABA-A-Rezeptoren und verlängern die Öffnungszeit der daran gekoppelten Chloridkanäle, wodurch Nervenzellen schwerer erregbar werden. Zusätzlich hemmen sie spannungsabhängige Natriumkanäle und reduzieren so die Ausbreitung elektrischer Entladungen im Gehirn. Das Ergebnis ist eine breit angelegte Dämpfung der neuronalen Übererregbarkeit, die bei verschiedenen fokalen und generalisierten Epilepsien wirksam sein kann (Fachinformation Phenobarbital).

Bei welchen Anfallstypen werden sie eingesetzt?

Phenobarbital und Primidon sind grundsätzlich bei fokalen Anfällen mit und ohne Bewusstseinsbeteiligung sowie bei primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen wirksam. In der klinischen Praxis werden sie heute überwiegend als Reservemittel eingesetzt, wenn Antiepileptika der neueren Generation – etwa Lamotrigin, Levetiracetam oder Lacosamid – nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden (DGN-Leitlinie 2023). Phenobarbital spielt außerdem eine wichtige Rolle beim Status epilepticus, wo es intravenös verabreicht werden kann.

Welche Dosierungen sind üblich?

Die Dosierung richtet sich immer nach dem individuellen Ansprechen und muss vom behandelnden Arzt festgelegt werden. Als übliche Tagesdosen für Erwachsene nennen die Fachinformationen für Phenobarbital einen Bereich von etwa 60 bis 180 mg täglich, in Einzelfällen auch höher; für Primidon liegt der typische Bereich bei 500 bis 1500 mg täglich, aufgeteilt auf mehrere Einnahmen (Fachinformation Phenobarbital; Fachinformation Primidon). Wegen der sedierenden Wirkung wird die Dosis in der Regel langsam eingeschlichen. Regelmäßige Spiegelkontrollen im Blut helfen, den therapeutischen Bereich zu überwachen und Überdosierungen zu vermeiden.

Welche Nebenwirkungen hat Phenobarbital?

Phenobarbital-Nebenwirkungen betreffen vor allem das Zentralnervensystem: Müdigkeit, Schläfrigkeit und verlangsamtes Denken sind besonders zu Beginn der Behandlung häufig. Bei Langzeitanwendung können kognitive Einschränkungen, Gedächtnisprobleme und depressive Verstimmungen auftreten. Weitere mögliche Nebenwirkungen umfassen:

  • Gleichgewichtsstörungen und Schwindel
  • Hautreaktionen (selten schwere allergische Reaktionen)
  • Osteoporose durch beschleunigten Vitamin-D-Abbau bei Langzeittherapie
  • Erhöhung von Leberwerten durch Enzyminduktion
  • Physische Abhängigkeit bei Dauereinnahme

Wegen der Enzyminduktion kann Phenobarbital die Wirksamkeit anderer Medikamente – darunter hormonelle Verhütungsmittel – deutlich abschwächen (Fachinformation Phenobarbital). Mehr zu diesem Thema finden Sie unter Epilepsie und Verhütung.

Welche Nebenwirkungen hat Primidon?

Das Nebenwirkungsprofil von Primidon ähnelt dem von Phenobarbital stark, da ein großer Teil der Wirkung über den Metaboliten Phenobarbital vermittelt wird. Zusätzlich kann Primidon – besonders zu Behandlungsbeginn – ausgeprägte Übelkeit, Erbrechen und akuten Schwindel verursachen, die sich bei sehr langsamer Dosissteigerung meist abschwächen. Auch Primidon induziert hepatische Enzyme und kann damit Wechselwirkungen mit zahlreichen anderen Arzneimitteln auslösen. Kognitive Beeinträchtigungen und Sedierung sind bei Primidon ähnlich häufig wie bei Phenobarbital (Fachinformation Primidon).

Warum darf man Phenobarbital und Primidon nicht abrupt absetzen?

Ein plötzliches Absetzen beider Substanzen ist gefährlich, weil es schwere Entzugsanfälle – einschließlich eines Status epilepticus – auslösen kann. Da das Gehirn sich an die dauerhaft erhöhte GABA-Aktivität gewöhnt, reagiert es auf den abrupten Wegfall mit gesteigerter Erregbarkeit. Auch wenn die Epilepsie gut kontrolliert ist, muss die Dosis deshalb immer schrittweise und unter ärztlicher Aufsicht reduziert werden. Dieser Prozess kann Monate dauern. Patienten sollten niemals eigenmächtig mit dem Absetzen beginnen (DGN-Leitlinie 2023).

Was gilt für Schwangerschaft und Fahreignung?

Phenobarbital und Primidon gelten in der Schwangerschaft als problematisch: Beide Substanzen sind mit einem erhöhten Risiko für Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen beim Kind assoziiert. Frauen im gebärfähigen Alter sollten die Behandlung daher sorgfältig mit ihrem Arzt abwägen; ausführliche Informationen bietet die Seite Epilepsie und Schwangerschaft. Hinsichtlich der Fahreignung gelten die allgemeinen Regeln der Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung: Nach einem ersten Anfall oder bei nicht eingestellter Epilepsie besteht in der Regel eine Fahrpause; Einzelheiten erklärt die Seite Epilepsie und Führerschein (Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, BASt, aktuelle Fassung).

Wann sind Phenobarbital und Primidon heute noch sinnvoll?

Trotz ihres schwierigen Nebenwirkungsprofils haben beide Substanzen weiterhin ihren Platz in der Epileptologie. Sinnvoll sind sie insbesondere dann, wenn mehrere neuere Antiepileptika versagt haben, wenn Kosten eine Rolle spielen (Phenobarbital ist sehr günstig), oder wenn eine intravenöse Notfallbehandlung benötigt wird. In Ländern mit eingeschränktem Zugang zu neueren Medikamenten ist Phenobarbital laut Weltgesundheitsorganisation nach wie vor ein unverzichtbares Mittel. Für Patienten, die seit Jahren stabil auf Phenobarbital oder Primidon eingestellt sind und die Therapie gut vertragen, ist ein Wechsel nicht zwingend erforderlich – die Entscheidung trifft der Arzt individuell (DGN-Leitlinie 2023).

Häufige Fragen

Ist Phenobarbital ein Betäubungsmittel?

Phenobarbital unterliegt in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und darf nur auf einem speziellen Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Das bedeutet, dass bei der Verschreibung und Abgabe besondere Vorschriften gelten. Primidon unterliegt nicht dem BtMG, obwohl es im Körper zu Phenobarbital umgewandelt wird.

Kann Phenobarbital die Pille unwirksam machen?

Ja. Phenobarbital und Primidon regen Leberenzyme an (Enzyminduktion), die hormonelle Verhütungsmittel schneller abbauen. Dadurch kann die Wirksamkeit der Pille und anderer hormoneller Verhütungsmethoden erheblich vermindert sein. Frauen, die diese Medikamente einnehmen, sollten mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin alternative oder zusätzliche Verhütungsmethoden besprechen.

Wie lange dauert es, bis Phenobarbital wirkt?

Phenobarbital hat eine sehr lange Halbwertszeit von etwa 50 bis 150 Stunden. Das bedeutet, dass es mehrere Wochen dauern kann, bis nach einer Dosisänderung ein stabiler Blutspiegel erreicht ist. Erst dann lässt sich die Wirksamkeit der eingestellten Dosis zuverlässig beurteilen. Regelmäßige Spiegelkontrollen im Blut sind daher wichtig.

Macht Phenobarbital dauerhaft abhängig?

Bei Langzeiteinnahme entwickelt der Körper eine physische Gewöhnung an Phenobarbital. Das bedeutet nicht, dass Patienten im umgangssprachlichen Sinne „süchtig" werden, aber ein abruptes Absetzen kann zu schweren Entzugssymptomen einschließlich Anfällen führen. Deshalb muss die Dosis immer langsam und unter ärztlicher Begleitung reduziert werden.

Darf man mit Phenobarbital Auto fahren?

Die Fahreignung hängt nicht allein vom Medikament, sondern vor allem von der Anfallssituation ab. Wer anfallsfrei ist und das Medikament gut verträgt (keine relevante Sedierung), kann nach den Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung grundsätzlich fahrtauglich sein. Die sedierende Wirkung – besonders zu Beginn der Therapie – kann die Fahrtüchtigkeit jedoch vorübergehend einschränken. Die individuelle Beurteilung nimmt der behandelnde Arzt vor.

Was ist der Unterschied zwischen Phenobarbital und Primidon?

Primidon ist eine Vorläufersubstanz, die im Körper zu Phenobarbital und PEMA abgebaut wird. Beide Abbauprodukte sind antiepileptisch wirksam. Primidon selbst hat zusätzlich eine eigenständige Wirkung. In der Praxis sind die Effekte beider Substanzen sehr ähnlich; Primidon verursacht zu Beginn häufiger Übelkeit und Schwindel, unterliegt aber – anders als Phenobarbital – nicht dem Betäubungsmittelgesetz.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. Fachinformation Phenobarbital (aktuelle Fassung, jeweiliger Hersteller), abrufbar über die Datenbank des BfArM
  3. Fachinformation Primidon (aktuelle Fassung, jeweiliger Hersteller), abrufbar über die Datenbank des BfArM
  4. Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung
  5. Scheffer IE et al.: ILAE classification of the epilepsies. Epilepsia 2017; 58(4): 512–521 (ILAE-Klassifikation 2017)
  6. Betäubungsmittelgesetz (BtMG) in der jeweils geltenden Fassung, Bundesrepublik Deutschland

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.