Buccolam (Midazolam oromukosal): Notfallmedikament bei epileptischen Anfällen
Buccolam ist ein Notfallmedikament, das bei anhaltenden epileptischen Anfällen außerhalb des Krankenhauses eingesetzt wird. Es enthält den Wirkstoff Midazolam und wird in die Wangentasche (oromukosal) appliziert – ohne Spritze oder Venenzugang. Wichtig zu wissen: Die EU-Zulassung gilt ausschließlich für Säuglinge ab 3 Monaten, Kinder und Jugendliche bis unter 18 Jahre; bei Erwachsenen ist der Einsatz nur im Off-Label-Bereich möglich (Fachinformation Buccolam).
Das Wichtigste in Kürze
- Buccolam enthält Midazolam und wird als Lösung in die Wangentasche geträufelt – kein Venenzugang nötig.
- Die EU-Zulassung gilt nur für Kinder und Jugendliche von 3 Monaten bis unter 18 Jahre, nicht für Erwachsene.
- Es gibt vier Dosisstärken (2,5 / 5 / 7,5 / 10 mg), die nach Alter gestaffelt sind.
- Buccolam soll nur auf ärztliche Verordnung und nach Einweisung durch medizinisches Fachpersonal angewendet werden.
- Bei Erwachsenen stehen alternative Notfallmedikamente wie Lorazepam buccal oder Diazepam rektal zur Verfügung.
Was ist Buccolam und wie wirkt Midazolam?
Buccolam ist ein verschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel, das den Benzodiazepinwirkstoff Midazolam in einer oromukosalen Lösung enthält. Midazolam verstärkt die hemmende Wirkung des Botenstoffs GABA im Gehirn, dämpft dadurch die überschießende elektrische Aktivität und kann einen anhaltenden Anfall unterbrechen (Fachinformation Buccolam). Die Aufnahme über die gut durchblutete Mundschleimhaut erfolgt rasch, sodass der Wirkstoff innerhalb weniger Minuten ins Blut gelangt – ein entscheidender Vorteil gegenüber Darreichungsformen, die einen Venenzugang erfordern. Mehr zu Benzodiazepinen bei Epilepsie finden Sie in unserem Übersichtsartikel.
Für wen ist Buccolam zugelassen?
Buccolam ist in der Europäischen Union ausschließlich für Säuglinge ab 3 Monaten, Kinder und Jugendliche bis unter 18 Jahre zugelassen – nicht für Erwachsene (Fachinformation Buccolam, EU-Zulassung). Die Zulassung bezieht sich auf die Behandlung anhaltender, akuter konvulsiver Anfälle. Bei Erwachsenen ist ein Einsatz von Midazolam oromukosal zwar medizinisch möglich, gilt aber als Off-Label-Use und erfordert eine ausdrückliche ärztliche Entscheidung und Aufklärung. Für Erwachsene verordnen Ärztinnen und Ärzte andere Notfallmedikamente, etwa Lorazepam (Tavor Expidet) buccal oder Diazepam rektal (DGN-Leitlinie 2023).
Wann wird Buccolam bei Epilepsie eingesetzt?
Buccolam wird eingesetzt, wenn ein epileptischer Anfall länger als fünf Minuten andauert oder wenn mehrere Anfälle aufeinanderfolgen, ohne dass das Kind das Bewusstsein zwischenzeitlich wiedererlangt (DGN-Leitlinie 2023). Ziel ist es, einen Status epilepticus zu verhindern oder zu durchbrechen, bevor der Rettungsdienst eintrifft. Die Verordnung erfolgt in der Regel durch den behandelnden Epileptologen oder Neuropädiater, der gleichzeitig einen individuellen Notfallplan erstellt. Eltern oder Pflegepersonen werden vor der ersten Anwendung eingehend geschult.
Wie wird Buccolam angewendet?
Buccolam wird als fertige Einmalspritze geliefert und direkt in die Wangentasche des Kindes geträufelt – die Hälfte der Dosis auf jede Seite (Fachinformation Buccolam). Das Kind sollte dabei möglichst auf der Seite liegen oder gehalten werden, damit die Flüssigkeit nicht in die Atemwege gelangt. Nach der Gabe wird der Mund leicht geschlossen gehalten, damit die Lösung nicht herausläuft. Erste Hilfe bei einem Anfall – unabhängig von der Medikamentengabe – beschreibt unser Artikel Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall. Der Notruf (112) sollte bei jedem prolongierten Anfall parallel alarmiert werden.
Welche Dosisstärken gibt es und wie wird dosiert?
Buccolam ist in vier altersgestaffelten Dosisstärken erhältlich, die die unterschiedlichen Körpergewichte und pharmakokinetischen Eigenschaften berücksichtigen (Fachinformation Buccolam):
| Altersgruppe | Dosisstärke |
|---|---|
| Säuglinge 3–6 Monate (nur stationär) | 2,5 mg |
| Kinder 6 Monate bis 1 Jahr | 2,5 mg |
| Kinder 1–5 Jahre | 5 mg |
| Kinder 5–10 Jahre | 7,5 mg |
| Kinder/Jugendliche 10–18 Jahre | 10 mg |
Die konkrete Dosierung legt ausschließlich der behandelnde Arzt fest. Eine zweite Gabe ist nur auf ärztliche Anweisung hin erlaubt.
Welche Nebenwirkungen und Risiken sind bekannt?
Die häufigste und klinisch bedeutsamste Nebenwirkung ist eine Atemdepression, also eine Verlangsamung oder Verflachung der Atmung (Fachinformation Buccolam). Deshalb müssen nach der Gabe Atmung und Bewusstsein des Kindes kontinuierlich beobachtet werden. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Sedierung, Schläfrigkeit, Koordinationsstörungen und – selten – paradoxe Reaktionen wie Unruhe oder Agitation. Säuglinge unter 6 Monaten dürfen Buccolam nur unter stationären Bedingungen mit Überwachungsmöglichkeit erhalten. Bei Zeichen einer Atemstörung ist sofort der Notruf zu verständigen.
Welche Alternativen gibt es als Notfallmedikament bei Epilepsie?
Neben Buccolam stehen weitere Notfallmedikamente zur Verfügung, deren Einsatz vom Arzt individuell festgelegt wird (DGN-Leitlinie 2023). Lorazepam als Schmelztablette (buccal) ist für Erwachsene eine häufig verordnete Alternative, die buccale Gabe erfolgt allerdings teils außerhalb der Zulassung. Diazepam als Rektiole (rektal) wird seit Jahrzehnten eingesetzt und ist für Kinder und Erwachsene zugelassen. Midazolam als nasale Applikation (intranasal) wird in manchen Ländern verwendet, ist in Deutschland jedoch nicht als Fertigarzneimittel für diesen Zweck zugelassen. Welches Präparat am besten geeignet ist, hängt von Alter, Anfallstyp und individuellen Faktoren ab – die Entscheidung trifft der Arzt.
Was müssen Eltern und Betreuungspersonen vor der Anwendung wissen?
Vor der ersten Anwendung von Buccolam sollten Eltern und Pflegepersonen eine strukturierte Einweisung durch medizinisches Fachpersonal erhalten (DGN-Leitlinie 2023). Dazu gehört das Erkennen eines behandlungspflichtigen Anfalls, die korrekte Handhabung der Fertigspritze und die Beobachtung nach der Gabe. Ein schriftlicher Notfallplan, der individuell auf das Kind abgestimmt ist, erleichtert das Handeln in der Stresssituation. Informationen zum Ablauf eines ersten epileptischen Anfalls und zu fokalen Anfällen helfen, die Situation besser einzuschätzen. Das Medikament sollte stets griffbereit und nicht abgelaufen sein.
Wie ist Buccolam im Alltag mit Epilepsie einzuordnen?
Buccolam ist kein Medikament zur Dauertherapie, sondern ausschließlich ein Notfallmedikament für definierte Ausnahmesituationen. Die regelmäßige antiepileptische Behandlung – etwa mit Levetiracetam, Lamotrigin oder anderen Antiepileptika – bleibt davon unberührt und wird durch den Neurologen oder Neuropädiater festgelegt. Das Vorhandensein eines Notfallmedikaments kann Eltern und Betreuungspersonen Sicherheit geben, ersetzt aber weder die Basistherapie noch den Arztbesuch nach jedem Notfalleinsatz. Nach jeder Anwendung von Buccolam sollte zeitnah Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden.
Häufige Fragen
Ist Buccolam auch für Erwachsene zugelassen?
Nein. Die EU-Zulassung von Buccolam gilt ausschließlich für Säuglinge ab 3 Monaten, Kinder und Jugendliche bis unter 18 Jahre. Bei Erwachsenen ist der Einsatz nur als Off-Label-Use auf ausdrückliche ärztliche Verordnung möglich. Für Erwachsene kommen andere Notfallmedikamente infrage, beispielsweise Diazepam rektal (zugelassen) oder Lorazepam als Schmelztablette (buccale Gabe teils außerhalb der Zulassung) (Fachinformation Buccolam; DGN-Leitlinie 2023).
Wie schnell wirkt Buccolam nach der Gabe?
Midazolam wird über die gut durchblutete Mundschleimhaut rasch aufgenommen. In klinischen Studien zeigte sich ein Wirkungseintritt innerhalb weniger Minuten. Die genaue Zeit kann individuell variieren. Parallel zur Gabe sollte immer der Notruf (112) alarmiert werden, da eine ärztliche Überwachung nach der Anwendung erforderlich ist.
Darf Buccolam zweimal hintereinander gegeben werden?
Eine zweite Gabe von Buccolam ist nur auf ausdrückliche ärztliche Anweisung erlaubt und im Notfallplan festzuhalten. Eigenmächtige Wiederholungsgaben sind nicht zulässig, da das Risiko einer Atemdepression steigt. Wenn der Anfall nach der ersten Gabe nicht sistiert, muss sofort der Rettungsdienst verständigt werden.
Wie muss Buccolam aufbewahrt werden?
Buccolam sollte gemäß Fachinformation bei Raumtemperatur (nicht über 30 °C), vor Licht geschützt und außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahrt werden. Das Verfallsdatum ist regelmäßig zu prüfen und abgelaufene Spritzen sind fachgerecht zu entsorgen. Im Alltag empfiehlt es sich, das Medikament stets griffbereit – etwa in der Kita-Tasche oder Schulranzen – mitzuführen.
Was ist der Unterschied zwischen Buccolam und Diazepam-Rektiolen?
Beide sind Benzodiazepine zur Anfallsunterbrechung, unterscheiden sich aber in Applikationsweg und Zulassung. Buccolam (Midazolam) wird in die Wangentasche geträufelt und ist für Kinder ab 3 Monaten bis unter 18 Jahre zugelassen. Diazepam-Rektiolen werden rektal verabreicht und sind sowohl für Kinder als auch für Erwachsene zugelassen. Welches Präparat geeigneter ist, entscheidet der behandelnde Arzt.
Muss nach der Gabe von Buccolam immer der Notarzt gerufen werden?
Ja, bei jedem prolongierten Anfall, der eine Notfallmedikation erfordert, sollte parallel zur Gabe der Notruf 112 alarmiert werden. Nach der Anwendung sind Atmung und Bewusstsein des Kindes kontinuierlich zu überwachen. Auch wenn der Anfall sistiert, ist eine ärztliche Beurteilung erforderlich, um Komplikationen auszuschließen und den Notfallplan gegebenenfalls anzupassen.
Quellen
- Fachinformation Buccolam 2,5 mg / 5 mg / 7,5 mg / 10 mg oromukosale Lösung (Pfizer, aktuelle Fassung gemäß EMA-Zulassung)
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) / Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP): Leitlinie „Fieberkrämpfe und akute symptomatische Anfälle im Kindesalter", AWMF, aktuelle Fassung
- Fisher RS et al.: Operational classification of seizure types by the International League Against Epilepsy (ILAE), Epilepsia 2017; 58(4): 522–530
- European Medicines Agency (EMA): European Public Assessment Report (EPAR) Buccolam, aktuelle Fassung
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.