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Benzodiazepine bei Epilepsie: Notfall- und Dauertherapie

Von der Redaktion Stand: September 2026 5 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Benzodiazepine sind bei Epilepsie unverzichtbar: Sie unterbrechen akute Anfälle schnell und zuverlässig und gelten laut DGN-Leitlinie 2023 als Mittel der ersten Wahl beim Status epilepticus. Darüber hinaus kann der Wirkstoff Clobazam in ausgewählten Fällen auch zur Langzeitbehandlung eingesetzt werden. Welches Benzodiazepin wann und wie angewendet wird, entscheidet stets die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Benzodiazepine sind die wichtigsten Notfallmedikamente bei prolongierten epileptischen Anfällen und beim Status epilepticus.
  • Lorazepam, Diazepam und Midazolam unterscheiden sich in Applikationsweg und Wirkdauer – die Wahl richtet sich nach der klinischen Situation.
  • Midazolam als Nasenspray oder Buccallösung ermöglicht die Notfallbehandlung auch ohne venösen Zugang durch Laien oder Angehörige.
  • Clobazam ist das einzige Benzodiazepin, das regulär zur Langzeittherapie bei Epilepsie zugelassen ist.
  • Toleranzentwicklung und Abhängigkeitspotenzial begrenzen den Dauereinsatz der meisten Benzodiazepine; die Dosierung legt ausschließlich der Arzt fest.

Wie wirken Benzodiazepine bei Epilepsie?

Benzodiazepine dämpfen die überschießende elektrische Aktivität im Gehirn, indem sie die Wirkung des hemmenden Botenstoffs GABA (Gamma-Aminobuttersäure) verstärken. Sie binden an spezifische GABA-A-Rezeptoren und erhöhen die Häufigkeit der Öffnung von Chloridkanälen, was Nervenzellen schwerer erregbar macht (DGN-Leitlinie 2023). Dieser Mechanismus wirkt schnell und breit – unabhängig davon, ob es sich um fokale oder generalisierte Anfälle handelt. Die rasche Anflutung im Gehirn macht Benzodiazepine besonders wertvoll im Notfall.

Welche Benzodiazepine werden bei Epilepsie eingesetzt?

In der Epileptologie kommen vor allem vier Wirkstoffe zum Einsatz, die sich in Zulassung, Applikationsweg und Wirkdauer unterscheiden:

WirkstoffHauptanwendungApplikationswegWirkdauer (ca.)
LorazepamStatus epilepticus (stationär)intravenös6–12 Stunden
DiazepamNotfallbehandlung, Angehörigerektal, i.v.1–3 Stunden (aktive Metaboliten länger)
MidazolamNotfallbehandlung, Angehörigebukkal, nasal, i.v./i.m.1–2 Stunden
ClobazamLangzeittherapie (Add-on)oral12–24 Stunden

Alle Angaben beziehen sich auf zugelassene Indikationen laut Fachinformation; die individuelle Auswahl trifft die behandelnde Ärztin oder der Arzt.

Wann wird Lorazepam eingesetzt?

Lorazepam intravenös ist laut DGN-Leitlinie 2023 das bevorzugte Benzodiazepin zur Erstbehandlung des Status epilepticus im klinischen Umfeld. Es wirkt schnell und hat im Vergleich zu Diazepam eine längere antikonvulsive Wirkdauer von etwa 6 bis 12 Stunden, da es weniger stark in das Fettgewebe umverteilt wird (Fachinformation Lorazepam). Übliche Dosisbereiche liegen laut Fachinformation bei Erwachsenen bei 0,05–0,1 mg/kg Körpergewicht i.v.; die genaue Dosierung bestimmt das medizinische Fachpersonal. Lorazepam ist wegen der notwendigen Kühlung und des i.v.-Zugangs primär für den Klinik- und Rettungsdiensteinsatz geeignet.

Wann und wie wird Diazepam angewendet?

Diazepam war jahrzehntelang das Standard-Notfallmedikament bei Epilepsie und ist als Rektiole (rektale Lösung) auch für Angehörige und pädagogisches Fachpersonal zur Heimanwendung zugelassen (Fachinformation Diazepam). Es wirkt innerhalb weniger Minuten, wird jedoch rasch ins Körperfettgewebe umverteilt, sodass die antikonvulsive Wirkung kürzer ist als die Sedierung – ein wichtiger Unterschied zu Lorazepam (DGN-Leitlinie 2023). Intravenös wird Diazepam heute im Notfall seltener als Lorazepam eingesetzt. Für Kinder mit Fieberkrämpfen ist die rektale Anwendung nach wie vor verbreitet; mehr dazu unter Fieberkrampf bei Baby und Kind.

Was macht Midazolam im Notfall besonders geeignet?

Midazolam als Buccallösung (zwischen Wange und Zahnfleisch) oder Nasenspray ermöglicht eine schnelle Notfallbehandlung ohne venösen Zugang – auch durch geschulte Angehörige oder Betreuungspersonen (DGN-Leitlinie 2023). Studien zeigen, dass bukkal appliziertes Midazolam in der Wirksamkeit vergleichbar mit rektalem Diazepam ist und von Betroffenen sowie Angehörigen als weniger belastend empfunden wird. Die nasale Applikation über ein Nasenspray-System ist ebenfalls zugelassen und bietet eine weitere praktikable Option im Alltag (Fachinformation Midazolam). Wie und wann Angehörige ein Notfallmedikament einsetzen dürfen, regelt ein individueller Notfallplan, den die behandelnde Neurologin oder der Neurologe erstellt. Mehr zur Erstversorgung unter Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall.

Was ist Clobazam und wie unterscheidet es sich von anderen Benzodiazepinen?

Clobazam ist das einzige Benzodiazepin mit einer regulären Zulassung zur Langzeittherapie bei Epilepsie als Zusatzmedikament (Add-on) bei Erwachsenen und Kindern ab zwei Jahren (Fachinformation Clobazam). Im Gegensatz zu den 1,4-Benzodiazepinen (Lorazepam, Diazepam, Midazolam) gehört Clobazam zur Gruppe der 1,5-Benzodiazepine, was mit einem etwas günstigeren Verhältnis von antikonvulsiver zu sedierender Wirkung verbunden ist. Übliche Tagesdosen bei Erwachsenen liegen laut Fachinformation zwischen 20 und 40 mg, aufgeteilt auf zwei Einnahmen; die Dosierung legt der Arzt individuell fest. Clobazam wird häufig bei schwer behandelbaren Epilepsien wie dem Lennox-Gastaut-Syndrom eingesetzt.

Welche Nebenwirkungen und Risiken haben Benzodiazepine?

Die häufigsten Nebenwirkungen aller Benzodiazepine sind Sedierung, Schläfrigkeit, Schwindel und Koordinationsstörungen (Fachinformation). Bei intravenöser Gabe kann es zu Atemdepression kommen – deshalb muss bei der klinischen Anwendung Reanimationsbereitschaft bestehen (DGN-Leitlinie 2023). Ein zentrales Problem der Langzeitanwendung ist die Toleranzentwicklung: Die antikonvulsive Wirkung kann bei dauerhafter Einnahme nachlassen. Hinzu kommt ein Abhängigkeitspotenzial, das einen abrupten Abbruch gefährlich macht – das Absetzen muss stets langsam und ärztlich begleitet erfolgen. Wechselwirkungen mit anderen zentralnervös dämpfenden Substanzen, insbesondere Alkohol, sind klinisch relevant.

Dürfen Betroffene mit Benzodiazepin-Notfallmedikament Auto fahren?

Wer ein Benzodiazepin als Notfallmedikament erhalten hat, ist für mehrere Stunden fahruntauglich – unabhängig davon, ob der Anfall selbst die Fahreignung beeinträchtigt. Die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (Bundesanstalt für Straßenwesen, aktuelle Fassung) regeln zudem, dass Personen mit Epilepsie generellen Einschränkungen unterliegen, die von der Anfallsfreiheitsdauer abhängen. Clobazam als Dauertherapeutikum kann die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen; auch hier entscheidet die behandelnde Ärztin oder der Arzt über die individuelle Fahreignung. Ausführliche Informationen finden Sie unter Epilepsie und Führerschein.

Was müssen Schwangere mit Epilepsie über Benzodiazepine wissen?

Benzodiazepine passieren die Plazenta und können beim Neugeborenen Atemdepression, Muskelhypotonie und Entzugssymptome verursachen (Fachinformation). Im Notfall – etwa beim Status epilepticus – überwiegt der Nutzen für Mutter und Kind jedoch klar das Risiko; ein unbehandelter Status epilepticus ist für beide lebensbedrohlich (DGN-Leitlinie 2023). Clobazam als Dauertherapeutikum sollte in der Schwangerschaft nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Frauen mit Epilepsie, die eine Schwangerschaft planen, sollten ihre Medikation frühzeitig mit der Neurologin oder dem Neurologen besprechen – mehr dazu unter Epilepsie und Schwangerschaft.

Häufige Fragen

Kann ich als Angehöriger Midazolam oder Diazepam selbst verabreichen?

Ja, wenn die behandelnde Ärztin oder der Arzt ein entsprechendes Notfallrezept ausgestellt und Sie in die Anwendung eingewiesen hat. Bukkal-Midazolam und rektales Diazepam sind für die Anwendung durch geschulte Laien zugelassen. Ohne ärztliche Einweisung und Notfallplan sollte keine Eigenanwendung erfolgen.

Wie lange wirkt ein Benzodiazepin nach einem Notfalleinsatz nach?

Das hängt vom Wirkstoff ab: Midazolam wirkt antikonvulsiv etwa 1–2 Stunden, Diazepam durch seine Metaboliten deutlich länger (bis zu 24 Stunden sedierend). Lorazepam hat eine antikonvulsive Wirkdauer von etwa 6–12 Stunden. Nach jeder Notfallmedikation sollte ärztliche Kontrolle erfolgen.

Macht Clobazam als Dauertherapie abhängig?

Wie alle Benzodiazepine hat Clobazam ein Abhängigkeitspotenzial. Bei bestimmungsgemäßem Einsatz in der Epilepsietherapie und regelmäßiger ärztlicher Kontrolle ist das Risiko beherrschbar. Abgesetzt werden darf Clobazam nie abrupt, sondern nur schrittweise unter ärztlicher Aufsicht.

Warum wird beim Status epilepticus nicht immer dasselbe Benzodiazepin gegeben?

Die Wahl richtet sich nach dem Behandlungsort und dem verfügbaren Zugangsweg: Im Krankenhaus mit i.v.-Zugang ist Lorazepam bevorzugt. Präklinisch oder ohne venösen Zugang kommen Midazolam nasal/bukkal oder rektales Diazepam zum Einsatz. Die DGN-Leitlinie 2023 gibt hierzu klare Stufenempfehlungen.

Können Benzodiazepine Anfälle auch auslösen?

Benzodiazepine selbst lösen keine Anfälle aus. Allerdings kann ein abruptes Absetzen nach längerer Einnahme zu Entzugsanfällen führen. Deshalb muss jede Dosisreduktion langsam und unter ärztlicher Begleitung erfolgen.

Darf Clobazam mit anderen Antiepileptika kombiniert werden?

Ja, Clobazam ist als Add-on-Therapie zugelassen und wird fast immer in Kombination mit anderen Antiepileptika eingesetzt. Wechselwirkungen sind jedoch möglich – zum Beispiel mit Valproat oder Lamotrigin. Die behandelnde Ärztin oder der Arzt prüft die Kombination individuell.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. Fachinformationen zu Lorazepam, Diazepam, Midazolam und Clobazam (jeweilige aktuelle Fassungen, European Medicines Agency / Hersteller)
  3. Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung
  4. Fisher RS et al.: Operational classification of seizure types by the International League Against Epilepsy (ILAE), Epilepsia 2017; 58(4): 522–530
  5. Silbergleit R et al. (RAMPART Study Group): Intramuscular versus intravenous therapy for prehospital status epilepticus, New England Journal of Medicine 2012; 366(7): 591–600

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.