Cannabis und CBD bei Epilepsie: Was ist belegt?
Cannabidiol (CBD) ist als verschreibungspflichtiges Arzneimittel (Epidyolex) seit 2019 in der EU für bestimmte schwere Epilepsieformen zugelassen und kann die Anfallshäufigkeit nachweislich reduzieren – eine Heilung ist damit jedoch nicht möglich. Freiverkäufliche CBD-Öle und medizinisches Cannabis sind dagegen keine gleichwertigen Alternativen: Ihre Wirksamkeit bei Epilepsie ist nicht ausreichend belegt, und der Wirkstoffgehalt ist oft ungenau. Wer Cannabis-Produkte bei Epilepsie in Betracht zieht, sollte dies ausnahmslos mit dem behandelnden Neurologen besprechen.
Das Wichtigste in Kürze
- Epidyolex (Cannabidiol) ist das einzige EU-zugelassene cannabisbasierte Arzneimittel gegen Epilepsie – für Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom und Tuberöse Sklerose ab 2 Jahren.
- Zulassungsstudien zeigen eine Reduktion der Anfallshäufigkeit gegenüber Placebo, Anfallsfreiheit tritt jedoch selten ein.
- Für THC gibt es keine ausreichende Evidenz bei Epilepsie; THC kann bei manchen Menschen die Anfallsschwelle senken.
- Freiverkäufliche CBD-Öle sind keine Arzneimittel und ersetzen keine verordnete Epilepsietherapie.
- Epilepsie-Medikamente dürfen nie eigenmächtig reduziert oder durch Cannabis-Produkte ersetzt werden.
Was ist Cannabidiol (CBD) – und was hat es mit Epilepsie zu tun?
Cannabidiol (CBD) ist ein nicht-psychoaktiver Wirkstoff der Cannabispflanze, der antikonvulsive Eigenschaften besitzt. Im Gegensatz zum berauschenden THC (Tetrahydrocannabinol) verursacht CBD keine Euphorie und hat ein anderes Wirkprofil. Das Interesse an CBD bei Epilepsie wuchs, nachdem Eltern schwer kranker Kinder in den USA über dramatische Anfallsreduktionen berichteten – was schließlich zu klinischen Studien und einer Zulassung führte. Grundlegende Informationen zu Epilepsie als Erkrankung helfen, den Stellenwert solcher Therapieoptionen einzuordnen.
Für welche Epilepsieformen ist Epidyolex (Cannabidiol) zugelassen?
Epidyolex ist in der EU seit September 2019 als Zusatztherapie bei Anfällen im Zusammenhang mit dem Dravet-Syndrom und dem Lennox-Gastaut-Syndrom zugelassen, jeweils in Kombination mit Clobazam, ab einem Alter von 2 Jahren (Fachinformation Epidyolex, EMA 2019). Seit 2021 gilt die Zulassung auch für Anfälle bei Tuberöser Sklerose (TSC) ab 2 Jahren, hier ist eine Kombination mit Clobazam nicht zwingend vorgeschrieben (Fachinformation Epidyolex, EMA 2021). Epidyolex ist verschreibungspflichtig und darf nur von Ärzten mit Erfahrung in der Behandlung schwerer Epilepsieformen verordnet werden.
Was zeigen die Studien zu Cannabidiol bei Epilepsie?
Die Zulassungsstudien zu Epidyolex zeigten eine statistisch signifikante Reduktion der Anfallshäufigkeit gegenüber Placebo – jedoch keine Heilung (Fachinformation Epidyolex). In den pivotalen Studien zum Dravet-Syndrom (GWPCARE1/2) sank die monatliche Anfallsfrequenz unter Cannabidiol im Median um etwa 39 % gegenüber 13 % unter Placebo (Devinsky et al., NEJM 2017); Anfallsfreiheit trat nur bei einem kleinen Teil der Patienten ein. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich beim Lennox-Gastaut-Syndrom und der Tuberösen Sklerose. Die in Studien verwendeten Dosen lagen typischerweise bei 10–20 mg/kg Körpergewicht pro Tag, bei TSC bis zu 25 mg/kg/Tag – weit höher als in freiverkäuflichen Produkten üblich (Fachinformation Epidyolex).
Welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen hat Epidyolex?
Häufige Nebenwirkungen von Epidyolex sind Schläfrigkeit, verminderter Appetit, Durchfall und Fieber (Fachinformation Epidyolex). Besonders wichtig: Cannabidiol kann die Leberwerte erhöhen, weshalb regelmäßige Leberwertkontrollen erforderlich sind – das Risiko steigt, wenn gleichzeitig Valproat eingenommen wird. Eine klinisch bedeutsame Wechselwirkung besteht mit Clobazam: CBD erhöht den Blutspiegel des aktiven Metaboliten N-Desmethylclobazam, was die sedierende Wirkung verstärken kann. Der behandelnde Arzt entscheidet über Dosierung und Überwachung; Dosisanpassungen anderer Antiepileptika können erforderlich sein.
Was ist von THC bei Epilepsie zu halten?
Für THC (Tetrahydrocannabinol) gibt es keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz als Epilepsietherapie. Im Gegenteil: THC kann bei manchen Menschen die Anfallsschwelle senken und Anfälle begünstigen; belastbare Studien zu THC als Epilepsietherapie fehlen. Auch hochdosierter Cannabiskonsum sowie Cannabis-Entzug können die Anfallsbereitschaft beeinflussen. Medizinisches Cannabis, das THC enthält, wird daher bei Epilepsie nicht routinemäßig empfohlen. Wer dennoch eine Verordnung von medizinischem Cannabis erwägt, muss dies offen mit dem Neurologen besprechen – insbesondere im Hinblick auf mögliche Wechselwirkungen mit bestehenden Antiepileptika.
Wie ist medizinisches Cannabis bei Epilepsie in Deutschland geregelt?
Medizinisches Cannabis (Blüten, Extrakte) kann in Deutschland nach § 31 Abs. 6 SGB V ärztlich verordnet werden, wenn eine anerkannte Therapie nicht zur Verfügung steht oder nicht zumutbar ist. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten auf Antrag, eine Genehmigung ist in der Regel erforderlich. Seit dem Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG), das am 1. April 2024 in Kraft trat, ist medizinisches Cannabis kein Betäubungsmittel mehr – ein BtM-Rezept entfällt, ein normales Rezept genügt (MedCanG 2024). Die Verordnung liegt im Ermessen des Arztes; bei Epilepsie ist die Datenlage für THC-haltige Präparate weiterhin dünn.
Was gilt für freiverkäufliche CBD-Öle und -Produkte bei Epilepsie?
Freiverkäufliche CBD-Öle und -Produkte sind keine Arzneimittel und unterliegen nicht den strengen Qualitätsstandards der Arzneimittelzulassung. Untersuchungen zeigen, dass der tatsächliche Wirkstoffgehalt solcher Produkte häufig erheblich von der Deklaration abweicht. Die in Zulassungsstudien wirksamen Dosen (10–25 mg/kg/Tag) sind mit handelsüblichen CBD-Ölen kaum erreichbar. Online-Shops wie smokestars.de bieten CBD-, Hanf- und Rauchzubehör an – solche Produkte sind jedoch keine Arzneimittel und können eine verordnete Epilepsietherapie nicht ersetzen. Wer CBD-Produkte zusätzlich einnehmen möchte, sollte dies unbedingt mit dem Neurologen besprechen, da auch niedrige CBD-Mengen Wechselwirkungen mit Antiepileptika verursachen können.
Was bedeutet die Cannabis-Legalisierung für Menschen mit Epilepsie?
Seit dem Cannabisgesetz (KCanG, 1. April 2024) ist der Besitz von bis zu 25 g Cannabis in der Öffentlichkeit sowie der Anbau von bis zu 3 Pflanzen für Erwachsene in Deutschland unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Für Menschen mit Epilepsie sind jedoch zusätzliche Aspekte relevant: THC kann, wie beschrieben, Anfälle begünstigen. Beim Führerschein gilt seit 2024 ein THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml im Blutserum – bei Epilepsie gelten darüber hinaus die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, BASt), die unabhängig vom THC-Konsum Anfallsfreiheitsfristen vorschreiben.
Wann sollte man mit dem Arzt über Cannabis bei Epilepsie sprechen?
Ein Gespräch mit dem Neurologen ist immer dann angezeigt, wenn eine Behandlung mit Epidyolex erwogen wird, wenn freiverkäufliche CBD-Produkte zusätzlich zur bestehenden Therapie eingenommen werden sollen oder wenn Fragen zu medizinischem Cannabis bestehen. Epilepsie-Medikamente dürfen niemals eigenmächtig reduziert oder durch Cannabis-Produkte ersetzt werden – das Risiko eines Status epilepticus ist real. Informationen zur Gesamtprognose bietet der Artikel zur Anfallsfreiheit und Prognose bei Epilepsie. Der Arzt bewertet individuell, ob und welche cannabisbasierte Therapie sinnvoll und sicher ist.
Häufige Fragen
Kann ich meine Epilepsie-Medikamente durch CBD-Öl ersetzen?
Nein. Freiverkäufliche CBD-Öle sind keine Arzneimittel und kein Ersatz für verordnete Antiepileptika. Ein eigenmächtiges Absetzen oder Reduzieren von Epilepsie-Medikamenten kann zu schweren Anfällen bis hin zum Status epilepticus führen. Jede Änderung der Therapie muss mit dem behandelnden Neurologen abgestimmt werden.
Ist Epidyolex dasselbe wie CBD-Öl aus dem Drogeriemarkt?
Nein. Epidyolex ist ein standardisiertes, geprüftes Arzneimittel mit exakt definiertem Wirkstoffgehalt und einer EU-Zulassung für bestimmte Epilepsieformen. Freiverkäufliche CBD-Öle unterliegen diesen Qualitätsstandards nicht, ihr Wirkstoffgehalt ist oft ungenau, und die in Studien wirksamen Dosen sind mit solchen Produkten kaum erreichbar.
Für wen ist Epidyolex zugelassen?
Epidyolex ist in der EU zugelassen als Zusatztherapie bei Anfällen im Zusammenhang mit dem Dravet-Syndrom, dem Lennox-Gastaut-Syndrom (jeweils in Kombination mit Clobazam) sowie der Tuberösen Sklerose – jeweils ab einem Alter von 2 Jahren. Die Verordnung erfolgt durch erfahrene Epilepsie-Spezialisten.
Kann THC aus Cannabis Anfälle auslösen?
Ja, das ist möglich. THC kann bei manchen Menschen die Anfallsschwelle senken und Anfälle begünstigen. Auch hochdosierter Konsum und Cannabis-Entzug können die Anfallsbereitschaft erhöhen. Für THC als Epilepsietherapie gibt es keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz (DGN-Leitlinie 2023).
Darf ich als Mensch mit Epilepsie legal Cannabis konsumieren?
Der Besitz kleiner Mengen Cannabis ist seit April 2024 für Erwachsene in Deutschland unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Für Menschen mit Epilepsie bestehen jedoch medizinische Risiken durch THC. Zudem gelten beim Führerschein strenge Regeln: Ein THC-Grenzwert von 3,5 ng/ml im Blutserum sowie die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung sind zu beachten. Die medizinische Beratung durch den Neurologen ist unbedingt zu suchen.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Epidyolex?
Epidyolex ist ein zugelassenes Arzneimittel und kann bei entsprechender Indikation zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Für medizinisches Cannabis (Blüten, Extrakte) ist nach § 31 Abs. 6 SGB V ein Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse erforderlich, der genehmigt werden muss. Der behandelnde Arzt unterstützt bei diesem Prozess.
Quellen
- Fachinformation Epidyolex (Cannabidiol), Jazz Pharmaceuticals/GW Pharma, EMA-Zulassung 2019 (Erweiterung TSC 2021)
- Devinsky O. et al.: Trial of Cannabidiol for Drug-Resistant Seizures in the Dravet Syndrome, New England Journal of Medicine 2017
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, 2023
- Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung
- Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) und Cannabisgesetz (KCanG), in Kraft seit 1. April 2024
- Sozialgesetzbuch V (SGB V), § 31 Abs. 6: Versorgung mit Cannabisarzneimitteln
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.