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Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS): Symptome, Ursachen und Behandlung

Von der Redaktion Stand: September 2026 5 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) ist eine der schwersten Formen der Epilepsie im Kindesalter und ist durch mehrere verschiedene Anfallsarten, charakteristische EEG-Veränderungen und eine kognitive Entwicklungsverzögerung gekennzeichnet. Die Erkrankung beginnt meist zwischen dem zweiten und achten Lebensjahr und ist in der Regel schwer zu behandeln. Vollständige Anfallsfreiheit gelingt nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen; die meisten benötigen eine lebenslange, individuell angepasste Therapie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Lennox-Gastaut-Syndrom ist eine schwere Epilepsie-Enzephalopathie des Kindesalters mit mehreren Anfallstypen gleichzeitig.
  • Typisch sind tonische Anfälle, atonische Anfälle (Sturzanfälle) und atypische Absencen sowie ein charakteristisches EEG-Muster.
  • Fast immer liegt eine strukturelle oder genetische Ursache zugrunde; in etwa 30 % der Fälle bleibt die Ursache ungeklärt.
  • Die Behandlung kombiniert mehrere Antiepileptika; vollständige Anfallsfreiheit ist selten erreichbar.
  • Betroffene Kinder benötigen lebenslange interdisziplinäre Begleitung, da kognitive Einschränkungen und Verhaltensauffälligkeiten häufig sind.

Was ist das Lennox-Gastaut-Syndrom?

Das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) ist eine schwere epileptische Enzephalopathie, bei der die anhaltende Anfallsaktivität selbst zur Beeinträchtigung der Hirnentwicklung beiträgt. Es zählt zur Gruppe der generalisierten Epilepsien und ist durch drei Kernmerkmale definiert: multiple Anfallstypen, ein charakteristisches EEG-Muster mit langsamen Spike-Wave-Komplexen (unter 2,5 Hz) und eine kognitive Entwicklungsverzögerung (ILAE-Klassifikation 2017). Das LGS macht schätzungsweise 1–4 % aller Epilepsien im Kindesalter aus und betrifft Jungen etwas häufiger als Mädchen.

Welche Symptome sind typisch für das LGS?

Charakteristisch für das Lennox-Gastaut-Syndrom ist das gleichzeitige Auftreten mehrerer Anfallsformen. Besonders typisch sind:

  • Tonische Anfälle: plötzliche Muskelversteifungen, häufig im Schlaf
  • Atonische Anfälle (Sturzanfälle): plötzlicher Tonusverlust führt zu abrupten Stürzen mit erheblichem Verletzungsrisiko
  • Atypische Absencen: langsam beginnende und endende Bewusstseinspausen, die sich von klassischen Absencen unterscheiden
  • Myoklonische und fokale Anfälle können ebenfalls auftreten

Hinzu kommen kognitive Einschränkungen, Verhaltensauffälligkeiten und häufige Phasen eines nicht-konvulsiven Status epilepticus, der sich als anhaltende Verlangsamung oder Verwirrtheit äußern kann (DGN-Leitlinie 2023).

Welche Ursachen hat das Lennox-Gastaut-Syndrom?

Das LGS hat in den meisten Fällen eine nachweisbare strukturelle oder genetische Ursache. Häufige Ursachen sind Hirnfehlbildungen, perinatale Hirnschäden (z. B. durch Sauerstoffmangel), Hirntumore, Entzündungen des Gehirns (Enzephalitiden) sowie Stoffwechselerkrankungen. In etwa 17–30 % der Fälle bleibt die Ursache trotz umfassender Diagnostik ungeklärt (idiopathisches oder kryptogenes LGS) (DGN-Leitlinie 2023). Ein bedeutsamer Anteil der Fälle entwickelt sich aus einem vorausgegangenen West-Syndrom, das in ein LGS übergehen kann. Mehr zu den allgemeinen Ursachen von Epilepsie finden Sie auf der entsprechenden Übersichtsseite.

Wie wird das LGS diagnostiziert?

Die Diagnose des Lennox-Gastaut-Syndroms stützt sich auf das klinische Bild, das EEG und die Bildgebung. Im EEG zeigen sich typischerweise generalisierte langsame Spike-Wave-Komplexe mit einer Frequenz unter 2,5 Hz im Wach-EEG sowie schnelle rhythmische Entladungen im Schlaf-EEG. Eine MRT des Gehirns ist obligat, um strukturelle Ursachen zu identifizieren. Ergänzend werden genetische Untersuchungen und Stoffwechseldiagnostik empfohlen, um behandelbare Grunderkrankungen nicht zu übersehen (DGN-Leitlinie 2023). Die Diagnose sollte durch einen spezialisierten Neuropädiater gestellt werden.

Wie wird das Lennox-Gastaut-Syndrom behandelt?

Die Behandlung des LGS ist komplex und erfordert in der Regel eine Kombinationstherapie mit mehreren Antiepileptika, da Monotherapien meist nicht ausreichen. Zu den Medikamenten, die laut Fachinformation und Leitlinie beim LGS eingesetzt werden, gehören unter anderem Valproat, Lamotrigin, Topiramat, Rufinamid, Clobazam und Cannabidiol (bei geeigneten Patienten). Welches Medikament in welcher Dosierung geeignet ist, entscheidet ausschließlich der behandelnde Arzt individuell (Fachinformationen der jeweiligen Präparate). Bei medikamentös schwer behandelbaren Verläufen können auch nicht-medikamentöse Verfahren wie die ketogene Diät oder eine Corpus-callosotomie (Durchtrennung der Hirnkommissur) erwogen werden (DGN-Leitlinie 2023).

Was ist im Notfall bei einem LGS-Anfall zu tun?

Aufgrund der häufigen Sturzanfälle ist das Verletzungsrisiko beim LGS besonders hoch. Betroffene Kinder sollten im Alltag Schutzhelme und gepolsterte Kleidung tragen. Bei einem akuten Anfall gelten die allgemeinen Regeln der Ersten Hilfe bei epileptischen Anfällen: Sicherung der Umgebung, stabiler Seitenlage bei Bewusstlosigkeit, Beobachtung der Anfallsdauer. Ein Status epilepticus ist beim LGS häufiger als bei anderen Epilepsieformen und erfordert sofortiges ärztliches Handeln. Eltern und Betreuungspersonen sollten einen Notfallplan sowie ein ärztlich verordnetes Notfallmedikament (z. B. ein Benzodiazepin zur rektalen oder buccalen Anwendung) griffbereit haben.

Wie ist die Prognose beim Lennox-Gastaut-Syndrom?

Die Prognose des LGS ist insgesamt ernst: Vollständige Anfallsfreiheit wird nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen erreicht. Die meisten Kinder behalten lebenslang kognitive Einschränkungen und sind auf Unterstützung angewiesen. Studien zeigen, dass ein Großteil der Betroffenen im Erwachsenenalter weiterhin tägliche oder wöchentliche Anfälle hat. Günstigere Verläufe sind möglich, wenn eine behandelbare Grundursache identifiziert und therapiert werden kann. Die Lebenserwartung kann durch das erhöhte Risiko für einen Status epilepticus und sturzbedingte Verletzungen beeinträchtigt sein; mehr dazu unter Lebenserwartung bei Epilepsie.

Welche Unterstützung brauchen betroffene Familien?

Das Lennox-Gastaut-Syndrom stellt Familien vor erhebliche Herausforderungen im Alltag. Eine interdisziplinäre Begleitung durch Neuropädiatrie, Sozialpädiatrie, Ergotherapie, Logopädie und Psychologie ist essenziell. Frühförderung und angepasste Schulformen können die Entwicklung der betroffenen Kinder bestmöglich unterstützen. Eltern sollten sich über mögliche Ansprüche auf einen Schwerbehindertenausweis, Pflegegrad und weitere Sozialleistungen informieren – weiterführende Informationen dazu bietet die Seite GdB und Pflegegrad bei Epilepsie. Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen wie die Deutsche Epilepsievereinigung bieten zusätzliche Unterstützung und Vernetzung.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter tritt das Lennox-Gastaut-Syndrom auf?

Das Lennox-Gastaut-Syndrom beginnt typischerweise zwischen dem zweiten und achten Lebensjahr, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr. In einigen Fällen, insbesondere wenn ein West-Syndrom vorausgeht, kann der Beginn auch früher liegen.

Kann das Lennox-Gastaut-Syndrom geheilt werden?

Eine vollständige Heilung ist beim LGS in den meisten Fällen nicht möglich. Das Ziel der Behandlung ist die bestmögliche Reduktion der Anfallshäufigkeit und -schwere sowie die Förderung der Entwicklung. Bei einem kleinen Teil der Betroffenen, insbesondere wenn eine behandelbare Ursache vorliegt, können deutliche Verbesserungen erzielt werden.

Ist das Lennox-Gastaut-Syndrom vererbbar?

Das LGS selbst ist keine klassisch vererbte Erkrankung. Allerdings können genetische Ursachen, die dem LGS zugrunde liegen, in manchen Fällen familiär gehäuft auftreten. Eine humangenetische Beratung ist empfehlenswert, wenn eine genetische Ursache nachgewiesen wurde.

Was unterscheidet das LGS vom West-Syndrom?

Beide sind schwere epileptische Enzephalopathien des Kindesalters, unterscheiden sich aber in Alter und Anfallstypen: Das West-Syndrom tritt im ersten Lebensjahr auf und ist durch infantile Spasmen und ein Hypsarrhythmie-Muster im EEG gekennzeichnet. Das LGS beginnt später, zeigt andere Anfallsformen (v. a. tonische und atonische Anfälle) und ein anderes EEG-Muster. Ein West-Syndrom kann sich im Verlauf in ein LGS umwandeln.

Welche Alltagshilfen gibt es für Kinder mit LGS?

Aufgrund des hohen Sturzrisikos durch atonische Anfälle sind Schutzhelme und gepolsterte Kleidung wichtige Alltagshilfen. Darüber hinaus sind angepasste Wohnumgebungen, Betreuungsangebote, Frühförderung und ein individueller Notfallplan mit Notfallmedikament essenziell. Ergotherapie und Physiotherapie können motorische Fähigkeiten unterstützen.

Dürfen Kinder mit LGS Sport treiben?

Körperliche Aktivität ist grundsätzlich wichtig für die Entwicklung und das Wohlbefinden. Welche Sportarten geeignet sind, hängt von der individuellen Anfallssituation ab und sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Aktivitäten mit erhöhtem Sturzrisiko oder in der Nähe von Wasser erfordern besondere Vorsichtsmaßnahmen.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. International League Against Epilepsy (ILAE): Operational classification of seizure types and epilepsies, Epilepsia 2017
  3. Fachinformationen der zugelassenen Antiepileptika (Valproat, Lamotrigin, Topiramat, Rufinamid, Clobazam, Cannabidiol), aktuelle Fassungen
  4. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) / Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie epileptischer Anfälle im Kindesalter
  5. Arzimanoglou A et al.: Lennox-Gastaut syndrome: a consensus approach on diagnosis, assessment, management, and trial methodology. Lancet Neurology 2009; 8(1): 82–93

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.