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NOTFALL Anfall länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle hintereinander: 112 anrufen · Erste Hilfe

Was ist Epilepsie? Definition, Formen und Grundlagen

Von der Redaktion Stand: September 2026 5 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Epilepsie ist eine chronische Erkrankung des Gehirns, bei der es wiederholt zu epileptischen Anfällen kommt – ausgelöst durch übermäßige oder synchrone elektrische Entladungen von Nervenzellen. Nach der international anerkannten Definition der ILAE (International League Against Epilepsy) liegt eine Epilepsie vor, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind, oder bereits ein Anfall mit einem erhöhten Wiederholungsrisiko von über 60 Prozent (ILAE 2014). Weltweit sind rund 50 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland leben schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen mit dieser Diagnose (Deutsche Gesellschaft für Epileptologie).

Das Wichtigste in Kürze

  • Epilepsie ist eine chronische Hirnerkrankung mit wiederholt auftretenden, unprovizierten epileptischen Anfällen.
  • Die Diagnose erfordert in der Regel mindestens zwei Anfälle oder einen Anfall mit hohem Wiederholungsrisiko.
  • Die ILAE-Klassifikation 2017 unterscheidet strukturelle, genetische, infektiöse, metabolische, immune und unbekannte Ursachen.
  • Etwa zwei Drittel aller Betroffenen werden mit Medikamenten anfallsfrei.
  • Epilepsie ist keine psychische Erkrankung und in vielen Fällen gut behandelbar.

Was bedeutet die Definition von Epilepsie genau?

Die Definition von Epilepsie umfasst mehr als nur das Auftreten von Anfällen. Die ILAE legte 2014 fest, dass Epilepsie vorliegt, wenn entweder mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind, oder ein einzelner unprovozierter Anfall mit einem statistisch erhöhten Rückfallrisiko von über 60 Prozent nachgewiesen werden kann – etwa bei bestimmten Hirnläsionen im MRT (ILAE 2014). Zusätzlich gilt die Diagnose als erfüllt, wenn ein anerkanntes Epilepsiesyndrom vorliegt. Wichtig: Ein einzelner Anfall nach einem klaren äußeren Auslöser – wie Schlafentzug oder Fieber – gilt als provozierter Anfall und begründet noch keine Epilepsie-Diagnose (DGN-Leitlinie 2023).

Wie häufig ist Epilepsie und wen betrifft sie?

Epilepsie gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. In Deutschland leben schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen mit einer aktiven Epilepsie, die Lebenszeitprävalenz liegt bei etwa einem Prozent der Bevölkerung (Deutsche Gesellschaft für Epileptologie). Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter beginnen, zeigt jedoch zwei Häufigkeitsgipfel: im Kindes- und Jugendalter sowie ab dem 60. Lebensjahr, wenn vaskuläre und neurodegenerative Ursachen zunehmen (DGN-Leitlinie 2023). Männer und Frauen sind insgesamt ähnlich häufig betroffen, wobei bestimmte Syndrome eine Geschlechterpräferenz zeigen können.

Was ist eine strukturelle Epilepsie?

Eine strukturelle Epilepsie liegt vor, wenn eine sichtbare Veränderung im Gehirn – nachweisbar durch bildgebende Verfahren wie das MRT – als direkte Ursache der Anfälle gilt. Zu den häufigen strukturellen Ursachen zählen Narben nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumore, Fehlbildungen der Hirnrinde (kortikale Dysplasien) sowie die Hippocampussklerose, die oft mit einer Temporallappenepilepsie einhergeht (ILAE-Klassifikation 2017). Die strukturelle Epilepsie ist die häufigste Ursachenkategorie bei Erwachsenen. Mehr zu den verschiedenen Ursachen von Epilepsie finden Sie in unserem ausführlichen Artikel. Strukturelle Epilepsien sprechen auf Medikamente mitunter schlechter an und können in geeigneten Fällen operativ behandelt werden.

Welche weiteren Ursachenkategorien unterscheidet die ILAE-Klassifikation 2017?

Die ILAE-Klassifikation von 2017 teilt Epilepsien nach ihrer Ätiologie in sechs Kategorien ein:

  • Strukturell: nachweisbare Hirnläsion als Ursache
  • Genetisch: bekannte oder vermutete Genmutation, z. B. bei Dravet-Syndrom
  • Infektiös: z. B. nach Neurozystizerkose oder Enzephalitis
  • Metabolisch: z. B. bei Pyridoxin-Abhängigkeit oder anderen Stoffwechselstörungen
  • Immun: z. B. bei Autoimmunenzephalitis mit Antikörpern gegen Hirnstrukturen
  • Unbekannt: Ursache trotz Diagnostik nicht feststellbar

Eine Epilepsie kann dabei mehreren Kategorien gleichzeitig zugeordnet sein (ILAE-Klassifikation 2017). Ob Epilepsie vererbbar ist, hängt stark von der jeweiligen Kategorie und dem Syndrom ab.

Wie werden epileptische Anfälle klassifiziert?

Die ILAE unterscheidet seit 2017 Anfälle primär danach, wo im Gehirn sie beginnen. Fokale Anfälle entstehen in einem umschriebenen Netzwerk einer Hirnhälfte, generalisierte Anfälle betreffen von Beginn an beide Hirnhälften. Daneben gibt es Anfälle mit unbekanntem Ursprung (ILAE-Klassifikation 2017). Fokale Anfälle können mit oder ohne Bewusstseinsstörung auftreten und sich zu einem beidseitigen tonisch-klonischen Anfall ausweiten. Absencen sind ein typisches Beispiel für generalisierte Anfälle mit kurzer Bewusstseinsunterbrechung. Die genaue Anfallsklassifikation ist entscheidend für die Wahl des richtigen Medikaments.

Was sind Epilepsiesyndrome?

Ein Epilepsiesyndrom ist eine klinisch definierte Erkrankungseinheit mit charakteristischer Kombination aus Anfallstypen, EEG-Befunden, Bildgebung, Alter bei Beginn und oft auch Prognose. Bekannte Syndrome bei Erwachsenen sind etwa die juvenile myoklonische Epilepsie oder die Temporallappenepilepsie; bei Kindern zählen das West-Syndrom oder das Lennox-Gastaut-Syndrom dazu (ILAE-Klassifikation 2017). Die Syndromdiagnose ermöglicht eine gezieltere Therapie und eine realistischere Prognoseeinschätzung. Das EEG spielt bei der Syndromzuordnung eine zentrale Rolle.

Wie wird Epilepsie diagnostiziert?

Die Diagnose Epilepsie stützt sich auf eine sorgfältige Anamnese – möglichst auch mit Fremdanamnese durch Augenzeugen –, eine neurologische Untersuchung, ein EEG und in der Regel eine MRT-Bildgebung des Gehirns (DGN-Leitlinie 2023). Ein normales EEG schließt eine Epilepsie nicht aus; umgekehrt beweist ein auffälliges EEG allein noch keine Epilepsie. Laboruntersuchungen dienen dem Ausschluss metabolischer Ursachen. Da andere Erkrankungen – etwa Synkopen oder psychogene Anfälle – Epilepsie imitieren können, ist eine sorgfältige Differentialdiagnose essenziell. Nach einem ersten Anfall sollte umgehend eine fachärztliche Abklärung erfolgen.

Wie wird Epilepsie behandelt?

Die Behandlung der Epilepsie zielt in erster Linie auf Anfallsfreiheit bei bestmöglicher Lebensqualität. Mittel der ersten Wahl sind Antiepileptika; welches Medikament geeignet ist, hängt von Anfallstyp, Syndrom, Begleiterkrankungen und individuellen Faktoren ab – die Entscheidung trifft stets der behandelnde Arzt (DGN-Leitlinie 2023). Häufig eingesetzte Wirkstoffe sind unter anderem Lamotrigin, Levetiracetam und Valproat. Etwa 60 bis 70 Prozent der Betroffenen werden mit dem ersten oder zweiten Medikament anfallsfrei (DGN-Leitlinie 2023). Bei pharmakoresistenter Epilepsie kommen operative Verfahren, Neurostimulation oder ketogene Diät in Betracht. Mehr zur Prognose lesen Sie unter Ist Epilepsie heilbar?

Was bedeutet Epilepsie für den Alltag?

Epilepsie beeinflusst viele Lebensbereiche, lässt sich aber bei guter Anfallskontrolle oft gut in den Alltag integrieren. Besondere Regelungen gelten für das Führen von Kraftfahrzeugen: Nach den Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung ist in der Regel eine anfallsfreie Zeit von mindestens einem Jahr Voraussetzung für die Fahreignung bei Pkw-Führerschein (BASt-Begutachtungsleitlinien, aktuelle Fassung). Ausführliche Informationen bietet der Artikel Epilepsie und Führerschein. Auch Beruf, Sport und Familienplanung werfen spezifische Fragen auf, die individuell mit dem behandelnden Arzt besprochen werden sollten. Epilepsie ist keine psychische Erkrankung und kein Zeichen verminderter Intelligenz.

Häufige Fragen

Ist ein einzelner Krampfanfall bereits eine Epilepsie?

Nein. Ein einzelner unprovozierter Anfall begründet die Diagnose Epilepsie nur dann, wenn das Wiederholungsrisiko nachweislich über 60 Prozent liegt – etwa bei einem auffälligen MRT-Befund. Andernfalls sind mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden erforderlich (ILAE 2014, DGN-Leitlinie 2023).

Kann Epilepsie geheilt werden?

Bei einem Teil der Betroffenen – insbesondere bei bestimmten Epilepsiesyndromen des Kindesalters oder nach erfolgreicher Operation – kann langfristige Anfallsfreiheit ohne Medikamente erreicht werden. Bei vielen Erwachsenen ist Epilepsie jedoch eine chronische Erkrankung, die dauerhaft behandelt wird. Rund 60 bis 70 Prozent werden mit Medikamenten anfallsfrei (DGN-Leitlinie 2023).

Was ist der Unterschied zwischen einem epileptischen Anfall und einem Krampfanfall?

Nicht jeder epileptische Anfall ist ein Krampfanfall. Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern – als kurze Bewusstseinsunterbrechung (Absence), als Zuckungen einzelner Körperteile oder als großer tonisch-klonischer Anfall mit Bewusstlosigkeit und Krämpfen. Umgekehrt kann ein Krampfanfall auch nicht-epileptische Ursachen haben, etwa Fieber oder einen Stoffwechselentgleisung.

Darf man mit Epilepsie Auto fahren?

Das hängt von der Anfallssituation ab. Für den Pkw-Führerschein (Gruppe 1) ist in der Regel eine nachgewiesene Anfallsfreiheit von mindestens einem Jahr Voraussetzung. Für Berufsfahrer (Gruppe 2) gelten strengere Regeln. Die genaue Beurteilung erfolgt individuell durch den Arzt und ggf. einen Gutachter (BASt-Begutachtungsleitlinien, aktuelle Fassung).

Was tun, wenn jemand einen epileptischen Anfall bekommt?

Ruhe bewahren, die Person vor Verletzungen schützen (Gegenstände wegräumen, Kopf polstern), sie nicht festhalten und nichts in den Mund stecken. Nach dem Anfall stabile Seitenlage. Den Notruf (112) rufen, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, kein Bewusstsein zurückkehrt oder es sich um den ersten bekannten Anfall handelt. Ausführliche Hinweise finden Sie unter Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall.

Ist Epilepsie vererbbar?

Das Vererbungsrisiko hängt stark von der Ursache der Epilepsie ab. Bei genetischen Epilepsiesyndromen besteht ein erhöhtes familiäres Risiko, bei strukturellen Ursachen (z. B. nach Unfall) hingegen nicht. Das individuelle Risiko sollte mit einem Neurologen oder Humangenetiker besprochen werden.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. Fisher RS et al.: ILAE Official Report: A practical clinical definition of epilepsy. Epilepsia 2014; 55(4): 475–482
  3. Scheffer IE et al.: ILAE classification of the epilepsies: Position paper of the ILAE Commission for Classification and Terminology. Epilepsia 2017; 58(4): 512–521
  4. Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung
  5. Deutsche Gesellschaft für Epileptologie (DGfE): Epidemiologische Angaben zur Epilepsie in Deutschland

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.