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NOTFALL Anfall länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle hintereinander: 112 anrufen · Erste Hilfe

Dravet-Syndrom: Ursachen, Verlauf und Behandlung

Von der Redaktion Stand: September 2026 6 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Das Dravet-Syndrom ist eine seltene, genetisch bedingte und schwer behandelbare Epilepsie, die im ersten Lebensjahr beginnt und mit häufigen, oft langanhaltenden Anfällen verbunden ist. In den meisten Fällen liegt eine Mutation im SCN1A-Gen zugrunde, die die Funktion bestimmter Natriumkanäle im Gehirn beeinträchtigt. Trotz intensiver Therapie bleiben viele Betroffene anfallsfrei selten – moderne Behandlungsoptionen wie Stiripentol und Fenfluramin haben die Versorgung jedoch deutlich verbessert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Dravet-Syndrom beginnt meist zwischen dem 5. und 8. Lebensmonat mit fieberbedingten Krampfanfällen.
  • In etwa 80 % der Fälle ist eine Mutation im SCN1A-Gen die Ursache.
  • Die Erkrankung führt häufig zu Entwicklungsverzögerungen und kognitiven Einschränkungen.
  • Bestimmte Antiepileptika wie Natriumkanalblocker können die Anfälle beim Dravet-Syndrom verschlechtern.
  • Stiripentol und Fenfluramin sind speziell für das Dravet-Syndrom zugelassene Medikamente.

Was ist das Dravet-Syndrom?

Das Dravet-Syndrom ist eine genetisch bedingte Entwicklungs- und Epilepsieenzephalopathie, die zu den schwersten Epilepsieformen des Kindesalters zählt. Es wurde 1978 von der französischen Neurologin Charlotte Dravet erstmals beschrieben und lange als „schwere myoklonische Epilepsie des Säuglingsalters

Welche Ursache hat das Dravet-Syndrom – was bedeutet SCN1A?

In etwa 80 % der Fälle liegt eine Mutation im SCN1A-Gen vor, das den spannungsabhängigen Natriumkanal Nav1.1 kodiert (DGN-Leitlinie 2023). Dieser Kanal ist vor allem in hemmenden Interneuronen des Gehirns aktiv. Fällt er aus, verlieren diese Nervenzellen ihre bremsende Funktion – das Gehirn wird überaktiv und anfällig für Anfälle. Die Mutation entsteht in den meisten Fällen neu (de novo) und wird nicht von den Eltern vererbt; in etwa 5–10 % der Fälle ist ein Elternteil Träger einer SCN1A-Variante (Fachinformation Stiripentol). Weitere, seltenere Genmutationen wie PCDH19, SCN1B oder GABRA1 können ein ähnliches klinisches Bild erzeugen. Eine genetische Testung ist für die Diagnose entscheidend.

Wie äußert sich das Dravet-Syndrom – welche Symptome treten auf?

Die ersten Anfälle treten typischerweise zwischen dem 5. und 8. Lebensmonat auf, häufig ausgelöst durch Fieber oder Impfungen, und dauern ungewöhnlich lang – oft mehr als fünf Minuten (DGN-Leitlinie 2023). Charakteristisch sind:

  • Prolongierte, fieberassoziierte Krampfanfälle (hemi- oder generalisiert)
  • Myoklonische Anfälle (kurze Muskelzuckungen)
  • Absencen und atonische Anfälle
  • Fokale Anfälle mit und ohne Bewusstseinsstörung

Ab dem zweiten Lebensjahr entwickeln viele Kinder zunehmend kognitive Einschränkungen, Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- und Gangstörungen sowie Autismus-Spektrum-Symptome. Ein Status epilepticus tritt beim Dravet-Syndrom häufiger auf als bei anderen Epilepsieformen und stellt einen medizinischen Notfall dar.

Wie wird das Dravet-Syndrom diagnostiziert?

Die Diagnose stützt sich auf das typische klinische Bild, den Verlauf und den molekulargenetischen Nachweis einer SCN1A-Mutation (DGN-Leitlinie 2023). Das EEG ist zu Beginn oft unauffällig und wird erst im Verlauf pathologisch – ein normales EEG schließt das Dravet-Syndrom daher nicht aus. Die MRT des Gehirns ist in der Regel ebenfalls zunächst normal, kann im Verlauf eine Hippokampusatrophie zeigen. Wichtig ist die Abgrenzung von anderen fieberassoziierten Epilepsien wie dem Fieberkrampf oder dem GEFS+-Spektrum. Die Diagnose sollte in einem spezialisierten Epilepsiezentrum gestellt werden.

Welche Medikamente helfen beim Dravet-Syndrom – und welche schaden?

Die medikamentöse Therapie des Dravet-Syndroms ist komplex, da mehrere Standardantiepileptika die Anfälle verschlechtern können. Natriumkanalblocker wie Carbamazepin, Oxcarbazepin, Lamotrigin und Phenytoin sind beim Dravet-Syndrom kontraindiziert, da sie Nav1.1 weiter hemmen und die Anfallslast erhöhen können (Fachinformation, DGN-Leitlinie 2023). Geeignete Basismedikamente sind:

  • Valproat (häufig erste Wahl, Dosierung individuell nach Arztentscheidung)
  • Clobazam (Benzodiazepin-Dauertherapie, ergänzend)
  • Topiramat (als Zusatztherapie)

Für den Notfall sind Benzodiazepine wie Midazolam bukkal oder Lorazepam essenziell. Die genaue Dosierung legt stets der behandelnde Arzt fest.

Was ist Stiripentol und wie wirkt es beim Dravet-Syndrom?

Stiripentol ist ein Antiepileptikum, das in der EU speziell als Zusatztherapie zum Dravet-Syndrom zugelassen ist und in Kombination mit Valproat und Clobazam eingesetzt wird (Fachinformation Stiripentol). Es wirkt über eine Verstärkung der GABA-vermittelten Hemmung und hemmt zusätzlich den Abbau von Clobazam über das Leberenzym CYP3A4, was dessen Wirkung verlängert. In kontrollierten Studien reduzierte Stiripentol die Anfallshäufigkeit bei einem relevanten Anteil der behandelten Kinder um mehr als 50 % (Fachinformation). Häufige Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Die Therapie gehört in die Hand eines auf Epilepsie spezialisierten Kinderarztes oder Neuropädiaters.

Was ist Fenfluramin und wann wird es eingesetzt?

Fenfluramin (niedrig dosiert) ist seit 2020 in der EU als Zusatztherapie für das Dravet-Syndrom ab dem zweiten Lebensjahr zugelassen (Fachinformation Fenfluramin). Der genaue Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt; diskutiert werden serotonerge Effekte sowie eine Aktivierung von Sigma-1-Rezeptoren. In klinischen Studien zeigte Fenfluramin eine signifikante Reduktion der monatlichen konvulsiven Anfallsfrequenz gegenüber Placebo (Fachinformation). Wegen früherer kardiovaskulärer Nebenwirkungen bei höherer Dosierung sind regelmäßige Echokardiographie-Kontrollen vorgeschrieben. Fenfluramin wird ausschließlich über ein kontrolliertes Abgabeprogramm verschrieben und darf nur von spezialisierten Ärzten verordnet werden.

Wie ist die Lebenserwartung beim Dravet-Syndrom?

Die Lebenserwartung beim Dravet-Syndrom ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung reduziert, jedoch nicht so stark wie früher angenommen. Die Mortalitätsrate wird auf etwa 10–20 % bis zum Erwachsenenalter geschätzt, wobei die Hauptursachen der plötzliche unerwartete Tod bei Epilepsie (SUDEP), der Status epilepticus und unfallbedingte Ereignisse sind (DGN-Leitlinie 2023). Viele Betroffene erreichen das Erwachsenenalter, benötigen jedoch lebenslang intensive Betreuung und Therapie. Mit zunehmend besseren Behandlungsmöglichkeiten – insbesondere durch Stiripentol, Fenfluramin und Brivaracetam als Zusatzoption – verbessert sich die Prognose schrittweise. Eine vollständige Anfallsfreiheit wird nur bei einem kleinen Teil der Patienten erreicht.

Wie sieht das Leben mit dem Dravet-Syndrom aus?

Das Dravet-Syndrom stellt Betroffene und ihre Familien vor erhebliche Alltagsherausforderungen. Fieber, Überhitzung, helles Flackerlicht und Aufregung können Anfälle auslösen und müssen konsequent vermieden werden. Viele Kinder benötigen Schulbegleitung, Frühförderung und therapeutische Unterstützung (Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie). Für Eltern ist ein schriftlicher Notfallplan mit Anweisungen zur Ersten Hilfe und zur Notfallmedikation unverzichtbar. Im Erwachsenenalter sind die meisten Betroffenen auf Unterstützung angewiesen; Fragen zu Schwerbehinderung und Pflegegrad sollten frühzeitig geklärt werden. Selbsthilfegruppen und spezialisierte Zentren bieten wichtige Unterstützung für die gesamte Familie.

Häufige Fragen

Ist das Dravet-Syndrom heilbar?

Nein, das Dravet-Syndrom ist nach aktuellem Kenntnisstand nicht heilbar. Ziel der Therapie ist eine möglichst weitgehende Reduktion der Anfallshäufigkeit und -schwere sowie die Förderung der Entwicklung. Vollständige Anfallsfreiheit wird nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen erreicht (DGN-Leitlinie 2023).

Kann das Dravet-Syndrom vererbt werden?

In den meisten Fällen entsteht die SCN1A-Mutation neu (de novo) und wird nicht von den Eltern vererbt. In etwa 5–10 % der Fälle trägt ein Elternteil die Mutation, sodass ein erhöhtes Wiederholungsrisiko für Geschwister besteht. Eine humangenetische Beratung wird Familien empfohlen (Fachinformation Stiripentol).

Warum darf mein Kind mit Dravet-Syndrom kein Lamotrigin bekommen?

Lamotrigin ist ein Natriumkanalblocker. Da beim Dravet-Syndrom der Natriumkanal Nav1.1 in hemmenden Nervenzellen bereits gestört ist, kann Lamotrigin diese Hemmung weiter abschwächen und die Anfälle verschlimmern. Dasselbe gilt für Carbamazepin, Oxcarbazepin und Phenytoin. Diese Medikamente sind beim Dravet-Syndrom kontraindiziert (DGN-Leitlinie 2023, Fachinformationen).

Ab welchem Alter kann Fenfluramin beim Dravet-Syndrom eingesetzt werden?

Fenfluramin ist in der EU für Patienten ab zwei Jahren mit Dravet-Syndrom als Zusatztherapie zugelassen. Die Verordnung darf nur durch spezialisierte Ärzte im Rahmen eines kontrollierten Abgabeprogramms erfolgen, das regelmäßige Herzuntersuchungen (Echokardiographie) vorschreibt (Fachinformation Fenfluramin).

Was soll ich tun, wenn mein Kind einen langen Anfall bekommt?

Eltern und Betreuungspersonen sollten einen individuellen Notfallplan vom behandelnden Arzt erhalten, der genau beschreibt, ab wann und wie das verordnete Notfallmedikament (z. B. Midazolam bukkal) einzusetzen ist. Bei einem Anfall, der länger als fünf Minuten dauert oder bei dem das Kind nicht aufwacht, ist sofort der Notruf 112 zu rufen. Weitere Hinweise finden Sie auf der Seite zur Ersten Hilfe bei epileptischen Anfällen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Dravet-Syndrom und schwerem Fieberkrampf?

Ja. Fieberkrämpfe sind in der Regel kurz, unkompliziert und haben eine gute Prognose. Beim Dravet-Syndrom sind die ersten Anfälle zwar oft fieberassoziiert, aber ungewöhnlich lang (über fünf Minuten), häufig einseitig und treten wiederholt auf. Im weiteren Verlauf folgen anfallsfreie Phasen, dann zunehmend verschiedene Anfallstypen und Entwicklungsauffälligkeiten – was beim einfachen Fieberkrampf nicht der Fall ist (DGN-Leitlinie 2023).

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE): Klassifikation der Epilepsien (Scheffer IE et al., Epilepsia 2017)
  3. Fachinformation Stiripentol (Diacomit®), aktuelle Fassung, European Medicines Agency (EMA)
  4. Fachinformation Fenfluramin (Fintepla®), aktuelle Fassung, European Medicines Agency (EMA)
  5. Fachinformation Valproinsäure/Valproat, aktuelle deutsche Fassung
  6. Dravet C: Les épilepsies graves de l'enfant. Vie Médicale 1978 (Erstbeschreibung des Syndroms)

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.