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NOTFALL Anfall länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle hintereinander: 112 anrufen · Erste Hilfe

Psychogener Krampfanfall (PNEA): Ursachen, Diagnose und Behandlung

Von der Redaktion Stand: September 2026 5 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Ein psychogener Krampfanfall sieht einem epileptischen Anfall täuschend ähnlich, hat aber keine elektrische Fehlfunktion im Gehirn als Ursache. Stattdessen liegt eine psychische Störung zugrunde – weshalb Fachleute heute von psychogenen nichtepileptischen Anfällen (PNEA) oder dissoziativen Anfällen sprechen. Die Unterscheidung ist entscheidend, denn die Behandlung unterscheidet sich grundlegend von der einer Epilepsie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Psychogene nichtepileptische Anfälle (PNEA) entstehen durch psychische Belastung, nicht durch epileptische Entladungen im Gehirn.
  • Betroffene zeigen oft zuckende oder schlaffe Bewegungen, Bewusstseinstrübung und Sturz – ähnlich wie bei einem epileptischen Anfall.
  • Der Goldstandard der Diagnose ist das Video-EEG: Während des Anfalls zeigt das EEG keine epileptischen Muster.
  • PNEA werden nicht mit Antiepileptika behandelt; eine Psychotherapie – meist kognitive Verhaltenstherapie – ist die Therapie der Wahl.
  • Viele Betroffene erhalten jahrelang fälschlicherweise Antiepileptika, bevor die richtige Diagnose gestellt wird.

Was sind psychogene nichtepileptische Anfälle?

Psychogene nichtepileptische Anfälle (PNEA) sind anfallsartige Episoden, die epileptischen Anfällen ähneln, aber ohne pathologische elektrische Entladungen im Gehirn ablaufen. Der Begriff dissoziativer Krampfanfall wird synonym verwendet und betont den psychischen Mechanismus: Das Gehirn „schaltet" unter starker psychischer Belastung vorübergehend bestimmte Funktionen ab. PNEA zählen laut ICD-10 zu den dissoziativen Störungen (F44.5) und sind keine Simulation – die Betroffenen erleben die Anfälle als unkontrollierbar und real. Die ILAE-Klassifikation 2017 grenzt sie klar von epileptischen Anfällen ab, da kein epileptisches Korrelat nachweisbar ist.

Wie häufig sind psychogene Anfälle?

PNEA sind häufiger als vielfach angenommen: In spezialisierten Epilepsiezentren machen sie etwa 20–30 % aller Patienten aus, die wegen vermeintlich therapieresistenter Epilepsie vorgestellt werden (DGN-Leitlinie 2023). Die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung wird auf etwa 2–33 pro 100.000 Personen geschätzt. Frauen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Das Erkrankungsalter liegt typischerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, PNEA können aber in jedem Alter auftreten. Besonders problematisch: Die durchschnittliche Zeitspanne bis zur korrekten Diagnose beträgt mehrere Jahre (DGN-Leitlinie 2023).

Welche Symptome hat ein psychogener Krampfanfall?

Die Symptome eines psychogenen Krampfanfalls überlappen stark mit denen epileptischer Anfälle, weisen aber charakteristische Merkmale auf. Typisch sind:

  • Zuckende oder schlaffe, unkoordinierte Bewegungen der Gliedmaßen
  • Beckenschaukeln oder Seitwärtsbewegen des Kopfes
  • Geschlossene Augen während des Anfalls (bei epileptischen Anfällen meist geöffnet)
  • Wechselnde Bewusstseinslage oder Reagieren auf Ansprache trotz scheinbarer Bewusstlosigkeit
  • Längere Anfallsdauer (oft über 2 Minuten) ohne Übergang in einen Status epilepticus
  • Weinen oder emotionale Äußerungen während des Anfalls

Keines dieser Merkmale ist allein beweisend; die Kombination mehrerer Zeichen erhöht die diagnostische Treffsicherheit (DGN-Leitlinie 2023).

Was sind die Ursachen eines dissoziativen Krampfanfalls?

Psychogene nichtepileptische Anfälle entstehen auf dem Boden psychischer Belastungen und Störungen, nicht durch eine organische Hirnerkrankung. Als häufige Ursachen und Risikofaktoren gelten:

  • Traumatische Erlebnisse, insbesondere körperlicher oder sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
  • Angststörungen und Depression
  • Chronischer psychosozialer Stress
  • Persönlichkeitsstörungen

Nicht bei allen Betroffenen lässt sich ein eindeutiges Trauma identifizieren. Die Anfälle sind Ausdruck eines unbewussten psychischen Verarbeitungsmechanismus – vergleichbar mit anderen dissoziativen Störungen. Mehr zu organischen Ursachen von Epilepsie finden Sie auf der entsprechenden Seite.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Der Goldstandard zur Diagnose psychogener nichtepileptischer Anfälle ist das Video-EEG-Monitoring: Dabei wird ein spontaner oder provozierter Anfall aufgezeichnet, und das EEG zeigt währenddessen keine epileptischen Entladungen (DGN-Leitlinie 2023). Ergänzend werden eingesetzt:

  • EEG im Intervall (oft unauffällig)
  • MRT des Gehirns zum Ausschluss struktureller Ursachen
  • Laboruntersuchungen (z. B. Prolaktin-Spiegel, der nach echten Grand-mal-Anfällen typischerweise erhöht ist)
  • Neuropsychologische und psychiatrische Diagnostik

Die Diagnose PNEA ist eine Positivdiagnose – sie erfordert den Nachweis eines Anfalls ohne EEG-Korrelat, nicht nur den Ausschluss einer Epilepsie. Zur Differentialdiagnose gehören auch Synkopen, Panikattacken und andere anfallsartige Störungen.

Wie unterscheiden sich psychogene und epileptische Anfälle?

MerkmalPsychogener Anfall (PNEA)Epileptischer Anfall
EEG während des AnfallsUnauffälligEpileptische Entladungen
AugenliderOft geschlossenMeist geöffnet
AnfallsdauerOft > 2 MinutenMeist < 2 Minuten
Prolaktin-AnstiegKein AnstiegOft erhöht (nach Grand mal)
ZungenbissSelten, eher seitlichHäufig, seitlich
NachschlafphaseSelten ausgeprägtHäufig (postiktal)
Ansprechen auf AntiepileptikaNeinJa (bei vielen Epilepsien)

Diese Tabelle dient der Orientierung; eine sichere Unterscheidung ist nur durch Video-EEG möglich (DGN-Leitlinie 2023).

Wie werden psychogene nichtepileptische Anfälle behandelt?

Die Behandlung psychogener nichtepileptischer Anfälle erfolgt nicht mit Antiepileptika, sondern primär durch Psychotherapie. Als wirksamste Methode gilt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die auf die zugrunde liegenden psychischen Belastungen abzielt (DGN-Leitlinie 2023). Wichtige Behandlungsschritte sind:

  • Offene, wertschätzende Diagnosemitteilung durch den behandelnden Arzt
  • Psychoedukation: Erklärung des Zusammenhangs zwischen Psyche und Anfällen
  • Kognitive Verhaltenstherapie, ggf. traumafokussiert
  • Behandlung komorbider Störungen (Depression, PTBS, Angststörungen)
  • Schrittweises Absetzen unnötiger Antiepileptika unter ärztlicher Aufsicht

Welche Therapieform und welche Medikamente – falls überhaupt – im Einzelfall geeignet sind, entscheidet ausschließlich der behandelnde Arzt.

Was bedeutet die Diagnose für den Alltag?

Die Diagnose PNEA hat weitreichende Konsequenzen für das tägliche Leben. Da keine Epilepsie vorliegt, gelten die strengen Fahreignungsregeln für Epilepsie formal nicht – die individuelle Fahrtauglichkeit muss jedoch ärztlich beurteilt werden, solange Anfälle auftreten (Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, BASt). Auch im Beruf können Anfälle Einschränkungen bedeuten, etwa bei Tätigkeiten mit Absturz- oder Maschinengefahr. Mit erfolgreicher Psychotherapie wird bei einem erheblichen Teil der Betroffenen eine deutliche Reduktion oder vollständige Anfallsfreiheit erreicht. Eine frühzeitige korrekte Diagnose verbessert die Prognose erheblich.

Wann sollte sofort ein Arzt gerufen werden?

Auch bei bekannter PNEA-Diagnose gibt es Situationen, in denen sofort der Notruf (112) gewählt werden sollte. Dazu zählen Anfälle, die länger als 5 Minuten andauern, Anfälle mit Verletzungen, Bewusstlosigkeit ohne Erholung oder ein erstmaliger Anfall ohne gesicherte Diagnose. Grundsätzlich gilt: Solange nicht sicher feststeht, ob ein Anfall psychogen oder epileptisch ist, sollte er wie ein epileptischer Anfall behandelt werden. Die Erste-Hilfe-Maßnahmen bei epileptischen Anfällen sind auch bei PNEA sinnvoll – insbesondere Sturzschutz und stabile Seitenlage. Antiepileptika oder Benzodiazepine sollten nur auf ärztliche Anweisung gegeben werden.

Häufige Fragen

Ist ein psychogener Krampfanfall gefährlich?

Psychogene nichtepileptische Anfälle sind in der Regel nicht lebensbedrohlich, da keine epileptische Gehirnaktivität vorliegt. Verletzungen durch Stürze sind jedoch möglich. Anhaltende unbehandelte PNEA können die Lebensqualität erheblich einschränken, weshalb eine fachgerechte Diagnose und Therapie wichtig sind.

Können psychogene Anfälle und Epilepsie gleichzeitig bestehen?

Ja, das ist möglich. Schätzungsweise 10–30 % der Patienten mit PNEA haben zusätzlich eine Epilepsie (DGN-Leitlinie 2023). Das macht die Diagnose besonders anspruchsvoll und unterstreicht die Notwendigkeit eines Video-EEG-Monitorings, um beide Anfallstypen sicher zu unterscheiden.

Simulieren Betroffene psychogene Anfälle?

Nein. Psychogene nichtepileptische Anfälle sind keine bewusste Simulation. Sie entstehen durch unbewusste psychische Prozesse, die die Betroffenen nicht willentlich steuern können. Die Anfälle werden als real und unkontrollierbar erlebt. Diese Unterscheidung ist für die Behandlung und den Umgang mit Betroffenen grundlegend.

Wie lange dauert die Behandlung psychogener Anfälle?

Die Behandlungsdauer variiert je nach Schwere der zugrunde liegenden psychischen Störung und individuellen Faktoren. Eine kognitive Verhaltenstherapie umfasst typischerweise mehrere Monate. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Betroffenen nach erfolgreicher Psychotherapie anfallsfrei wird oder eine deutliche Verbesserung erlebt. Der behandelnde Arzt oder Therapeut legt die Therapiedauer individuell fest.

Darf man mit psychogenen Anfällen Auto fahren?

Solange unkontrollierte Anfälle auftreten, ist die Fahrtauglichkeit eingeschränkt, unabhängig davon, ob es sich um epileptische oder psychogene Anfälle handelt. Die genaue Beurteilung erfolgt individuell durch den behandelnden Arzt, ggf. in Abstimmung mit einem Gutachter. Mehr Informationen finden Sie auf der Seite zu Epilepsie und Führerschein.

Welcher Arzt ist bei psychogenen Anfällen zuständig?

Die Diagnose wird in der Regel durch einen Neurologen, idealerweise in einem spezialisierten Epilepsiezentrum mit Video-EEG-Möglichkeit, gestellt. Die Behandlung erfolgt anschließend durch einen Psychiater oder Psychotherapeuten, oft in enger Zusammenarbeit mit dem Neurologen. Eine interdisziplinäre Betreuung ist bei PNEA besonders empfehlenswert.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. Fisher RS et al.: Operational classification of seizure types by the International League Against Epilepsy (ILAE), Epilepsia 2017; 58(4): 522–530
  3. Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung
  4. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-GM, Kapitel F44.5 – Dissoziative Krampfanfälle
  5. LaFrance WC Jr, Reuber M, Goldstein LH: Management of psychogenic nonepileptic seizures, Epilepsia 2013; 54 (Suppl 1): 53–67

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.