Zum Inhalt springen
NOTFALL Anfall länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle hintereinander: 112 anrufen · Erste Hilfe

Rolando-Epilepsie: Was Eltern über die häufigste Epilepsie im Kindesalter wissen sollten

Von der Redaktion Stand: September 2026 5 Fachquellen Basiert auf DGN-Leitlinie

Die Rolando-Epilepsie ist die häufigste fokale Epilepsie im Kindesalter und hat in den meisten Fällen eine ausgezeichnete Prognose: Nahezu alle betroffenen Kinder werden bis zur Pubertät anfallsfrei, ohne dass eine dauerhafte Schädigung zurückbleibt. Die Anfälle treten typischerweise nachts oder kurz nach dem Einschlafen auf und betreffen vor allem Gesicht, Mund und Arm einer Körperseite. Dennoch können begleitende Verhaltens- und Lernbesonderheiten den Alltag der betroffenen Kinder beeinflussen und sollten frühzeitig erkannt werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Rolando-Epilepsie ist die häufigste fokale Epilepsie bei Kindern zwischen 3 und 13 Jahren.
  • Anfälle betreffen meist Gesicht, Mund und Arm einer Körperseite – oft nachts und bei erhaltenem Bewusstsein.
  • Die Prognose ist sehr gut: Nahezu alle Kinder werden bis zur Pubertät spontan anfallsfrei.
  • Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten können begleitend auftreten und sollten gezielt unterstützt werden.
  • Eine medikamentöse Behandlung ist nicht immer notwendig und wird individuell mit dem behandelnden Arzt entschieden.

Was ist die Rolando-Epilepsie?

Die Rolando-Epilepsie – medizinisch korrekt als Selbstlimitierende Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes (SeLECTS) bezeichnet – ist ein gutartiges epileptisches Syndrom des Kindesalters mit charakteristischen EEG-Veränderungen über der sogenannten Rolando-Region des Gehirns (DGN-Leitlinie 2023). Der Name leitet sich vom Sulcus centralis (Rolando-Furche) ab, einer anatomischen Struktur der Großhirnrinde. Nach der ILAE-Klassifikation 2017 zählt sie zu den fokalen Epilepsien mit bekanntem Ursprungsort. Sie macht schätzungsweise 15–25 % aller Epilepsien im Kindesalter aus (ILAE 2017).

Wen betrifft die Rolando-Epilepsie und wie häufig ist sie?

Die Rolando-Epilepsie betrifft ausschließlich Kinder, typischerweise im Alter zwischen 3 und 13 Jahren, mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen 7 und 10 Jahren (DGN-Leitlinie 2023). Jungen sind etwas häufiger betroffen als Mädchen. Die Erkrankung tritt familiär gehäuft auf, was auf eine genetische Komponente hindeutet – ein einzelnes verantwortliches Gen wurde bislang jedoch nicht identifiziert. Mehr zur Frage der Vererbbarkeit finden Sie unter Ist Epilepsie vererbbar?. Die Inzidenz wird auf etwa 10–20 pro 100.000 Kinder pro Jahr geschätzt (ILAE 2017).

Welche Symptome hat die Rolando-Epilepsie?

Die Anfälle der Rolando-Epilepsie sind in ihrem Erscheinungsbild sehr charakteristisch: Sie beginnen meist mit einseitigen Kribbel- oder Taubheitsgefühlen im Mundbereich, gefolgt von unwillkürlichen Zuckungen von Lippe, Zunge, Wange oder Arm derselben Körperseite (DGN-Leitlinie 2023). Typisch ist außerdem ein Gurgelgeräusch oder eine Sprechunfähigkeit während des Anfalls, obwohl das Bewusstsein meist erhalten bleibt. Viele Anfälle ereignen sich nachts oder kurz nach dem Einschlafen – mehr dazu unter Schlafepilepsie: Anfälle im Schlaf. Selten kann sich ein Anfall zu einem beidseitigen tonisch-klonischen Anfall ausweiten.

Wie wird die Rolando-Epilepsie diagnostiziert?

Die Diagnose stützt sich auf das typische klinische Bild und den charakteristischen EEG-Befund: Im EEG zeigen sich hochamplitudige, scharfe Wellen (sogenannte zentrotemporale Spikes) über der Rolando-Region, die im Schlaf deutlich zunehmen (DGN-Leitlinie 2023). Ein Schlaf-EEG erhöht die diagnostische Treffsicherheit erheblich. Eine MRT-Untersuchung des Gehirns ist bei typischem Verlauf nicht zwingend erforderlich, wird aber häufig zum Ausschluss struktureller Ursachen durchgeführt. Die Abgrenzung von anderen fokalen Epilepsien und von nicht-epileptischen Anfällen ist wichtig.

Wie wird die Rolando-Epilepsie behandelt?

Ob eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, hängt von Häufigkeit, Schwere und Belastung durch die Anfälle ab – diese Entscheidung trifft der behandelnde Kinderneurologe individuell. Da die Prognose sehr gut ist und viele Kinder nur wenige Anfälle haben, wird bei mildem Verlauf häufig zunächst abgewartet (DGN-Leitlinie 2023). Wenn eine Therapie eingeleitet wird, kommen Antiepileptika wie Levetiracetam, Lamotrigin, Sultiam oder Oxcarbazepin in Betracht; die Dosierung richtet sich nach Körpergewicht und klinischem Bild gemäß Fachinformation. Valproat wird aufgrund seines Nebenwirkungsprofils bei Kindern zurückhaltend eingesetzt.

Welche Verhaltensauffälligkeiten können bei der Rolando-Epilepsie auftreten?

Neben den Anfällen selbst zeigen Kinder mit Rolando-Epilepsie häufiger Aufmerksamkeitsprobleme, Lese-Rechtschreib-Schwächen und sprachliche Verarbeitungsstörungen als gleichaltrige Kinder ohne Epilepsie (DGN-Leitlinie 2023). Diese Rolando-Epilepsie-Verhaltensauffälligkeiten sind nicht auf die Anfälle allein zurückzuführen, sondern hängen möglicherweise mit den epilepsietypischen Entladungen im EEG zusammen, die auch zwischen den Anfällen auftreten. Konzentrationsschwierigkeiten und eine erhöhte Impulsivität können den Schulalltag belasten. Eine neuropsychologische Untersuchung und ggf. gezielte Fördermaßnahmen sind daher sinnvoll. Eltern sollten diese Beobachtungen offen mit dem behandelnden Arzt besprechen.

Wie ist die Prognose der Rolando-Epilepsie?

Die Prognose der Rolando-Epilepsie ist ausgezeichnet: Bei nahezu allen betroffenen Kindern sistieren die Anfälle spontan bis zum Ende der Pubertät, in der Regel zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr (DGN-Leitlinie 2023). Eine dauerhafte Hirnschädigung oder kognitive Beeinträchtigung durch die Epilepsie selbst tritt in der Regel nicht auf. Auch die EEG-Veränderungen normalisieren sich im Verlauf. Mehr zur allgemeinen Prognose und Anfallsfreiheit bei Epilepsie finden Sie in unserem Übersichtsartikel. Eltern können in den meisten Fällen beruhigt sein – die Erkrankung ist zeitlich begrenzt.

Was sollten Eltern im Alltag beachten?

Im Alltag ist es wichtig, dass Eltern, Erzieher und Lehrer über die Erkrankung informiert sind und wissen, wie sie bei einem Anfall richtig reagieren – eine Übersicht bietet Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall. Da Anfälle häufig nachts auftreten, kann ein Babyphone oder Anfallsmelder sinnvoll sein. Sport und normale Freizeitaktivitäten sind in der Regel möglich; mehr dazu unter Epilepsie und Sport. Schulische Unterstützung, etwa durch einen Nachteilsausgleich, kann bei Lern- und Aufmerksamkeitsproblemen beantragt werden. Regelmäßige Kontrolltermine beim Kinderneurologen sichern den Verlauf.

Wann sollten Eltern sofort ärztliche Hilfe suchen?

Sofortige ärztliche Hilfe ist erforderlich, wenn ein Anfall länger als 5 Minuten andauert, sich mehrere Anfälle in kurzer Folge ereignen oder das Kind nach dem Anfall nicht wieder vollständig zu sich kommt – dies kann ein Zeichen für einen Status epilepticus sein. Auch beim ersten epileptischen Anfall eines Kindes sollte immer umgehend ein Arzt aufgesucht werden, um die Diagnose zu sichern und andere Ursachen auszuschließen. Eltern sollten Anfälle dokumentieren (Dauer, Uhrzeit, Erscheinungsbild), um dem Arzt eine genaue Einschätzung zu ermöglichen.

Häufige Fragen

Ist die Rolando-Epilepsie gefährlich?

Die Rolando-Epilepsie gilt als gutartig und ist in aller Regel nicht gefährlich. Nahezu alle betroffenen Kinder werden bis zur Pubertät spontan anfallsfrei, ohne bleibende Schäden. Dennoch sollte jedes Kind von einem Kinderneurologen betreut werden, um den Verlauf zu überwachen und mögliche Begleitprobleme wie Lernschwierigkeiten frühzeitig zu erkennen (DGN-Leitlinie 2023).

Muss mein Kind bei Rolando-Epilepsie Medikamente nehmen?

Nicht zwingend. Bei seltenen, kurzen und wenig belastenden Anfällen wird häufig zunächst auf eine medikamentöse Therapie verzichtet. Die Entscheidung trifft der behandelnde Kinderneurologe gemeinsam mit den Eltern, abhängig von Häufigkeit, Schwere und Auswirkungen der Anfälle auf den Alltag des Kindes (DGN-Leitlinie 2023).

Kann mein Kind mit Rolando-Epilepsie Sport treiben und am normalen Schulalltag teilnehmen?

Ja, in der Regel ist eine vollständige Teilnahme am Schul- und Sportleben möglich. Lehrer und Sportlehrer sollten über die Erkrankung informiert sein. Bei bestehenden Lern- oder Aufmerksamkeitsproblemen kann ein schulischer Nachteilsausgleich beantragt werden. Individuelle Einschränkungen bespricht der behandelnde Arzt mit den Eltern.

Wächst sich die Rolando-Epilepsie aus?

Ja. Die Rolando-Epilepsie ist eine selbstlimitierende Erkrankung: Bei nahezu allen betroffenen Kindern hören die Anfälle bis spätestens zum 16. Lebensjahr von selbst auf, auch ohne dauerhafte Medikation. Auch die typischen EEG-Veränderungen normalisieren sich im Verlauf der Pubertät (DGN-Leitlinie 2023).

Warum treten die Anfälle bei Rolando-Epilepsie oft nachts auf?

Die epilepsietypischen Entladungen im EEG nehmen im Schlaf – insbesondere im Non-REM-Schlaf – deutlich zu. Dadurch ereignen sich viele Anfälle kurz nach dem Einschlafen oder in den frühen Morgenstunden. Dieses Muster ist charakteristisch für die Rolando-Epilepsie und hilft bei der Diagnosestellung (DGN-Leitlinie 2023).

Können Geschwister auch eine Rolando-Epilepsie entwickeln?

Es gibt eine familiäre Häufung, was auf eine genetische Veranlagung hindeutet. Das Risiko für Geschwister ist erhöht, aber nicht so hoch, dass eine Erkrankung als wahrscheinlich gilt. Ein einzelnes verantwortliches Gen wurde bisher nicht identifiziert. Geschwister müssen nicht routinemäßig untersucht werden, solange sie keine Symptome zeigen.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“, AWMF-Registernummer 030-041, 2023
  2. International League Against Epilepsy (ILAE): Operational classification of seizure types and epilepsy syndromes, Epilepsia 2017
  3. ILAE Task Force: "Self-limited epilepsy with centrotemporal spikes (SeLECTS)", ILAE Syndrome Classification 2022
  4. Fachinformationen der jeweiligen Antiepileptika (Levetiracetam, Lamotrigin, Sultiam, Oxcarbazepin), aktuelle Fassungen gemäß EMA/BfArM
  5. Bundesamt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung, aktuelle Fassung

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern oder beenden Sie eine Behandlung nie ohne Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. So arbeitet unsere Redaktion.